Dieser unterzieht sich nun Buckwitz mit gewissem Erfolg, stellt man auf die Besucherfrequenz, die unter seiner Direktion im Schauspielhaus um etwa zehn Prozent gestiegen ist. Sein Programm: Er buchstabiert die Zukunft rückwärts, nicht ohne Versprecher: "Wenn ich ... die Namen aller Darsteller und Regisseure nenne, die sich dem Zürcher Schauspielhaus wieder angeschlossen haben, so scheint mir dies das kompetenteste Alibi für meine künftigen Intentionen zu sein." Zum Beweis seiner Unschuld präsentierte er Darsteller wie Wolfgang Reichmann, Norbert Kappen, Helmuth Lohner, Werner Bruhns, Agnes Fink, Heidemarie Hatheyer, Anne-Marie Blanc; Regisseure wie Friedrich Dürrenmatt, Angelica Hurwicz, Konrad Swinarski, sich, selbst. Stücke, weniger glanzvoll: "Urfaust", Dürrenmatts beinahe neues "Portrait eines Planeten", Hacks "Amphitryon", Barnes’ "Herrsehende Klasse" (in Düsseldorf mit Regisseur und Hauptdarsteller erfolgserprobt), Hochhuths "Guerillas" (nachdem man in Zürich weder den "Stellvertreter" noch die "Soldaten" gesehen hatte), Papps "Nackter Hamlet", Muschgs "Die Aufgeregten", Suassunas "Testament des Hundes", gefällige Version eines brasilianischen Volksstücks. In der nächsten Saison werden Gustav Knuth und Willy Birgel wieder zum "fluktuierenden Ensemble" stoßen – eine Zauberformel, die Buckwitz – trotz deutscher Konkurrenz und Fernsehen – sein "Weltstadttheater" garantieren soll. Dieses "fluktuierende Ensemble" wird sich nun eines neuen Pasolini annehmen, Dürrenmatts "König Johann" wieder aufführen, Nestroy, Schiller, Brecht und Albee spielen. Das ist die verwaschene Großstädtischkeit, die Buckwitz propagiert, wenn er von einem "Universalanspruch einer Weltstadt" spricht, und das Schauspielhaus-"Stammpublikum" mag ihm recht geben, weil solche Magie der Namen ihm das provinzlerische Bewußtsein gibt, nicht mehr Provinz zu sein.

Bleibt die Hoffnung auf ein Zürcher Ensemble, das für Weltstars nicht soviel Geld hat. In der Zürcher Altstadt liegt es, das kleine "Theater am Neumarkt", das mit Autoren wie Witkiewicz, Smocek, Mrozek, Gombrowicz ein Fenster zum Osten, mit Namen wie Handke, Bauer, Rühm, Bayer, Artmann eine Beziehung zum Nachbarn Österreich geschaffen hat. Nicht ohne Konsequenz erscheint es deshalb, wenn jetzt ein junger Grazer hier die Leitung übernimmt: der 27jährige Horst Zankl, durch Inszenierungen in Hannover und Hamburg zu Ansehen gekommen. Er will Handke, Arrabal, Jandl, Rühm, Gustafsson und Sperr spielen, als Regisseure Claus Peymann, Claus Bremer, sich selbst vorstellen. Und als Praline offeriert er – nach Basler Vorbild – einen Hausautor: den Mitgrazer Wolfgang Bauer.

Der nächste Herbst, er kommt bestimmt, und er bringt, demokratisch, jedem das seine. Von "Bread and Puppet" bis Schiller kann man wählen, Grotowski mit Buckwitz, und diesen mit Peymann vergleichen. Man kann avantgardistisch sein, modern oder traditionalistisch – der nächste Herbst macht alles möglich. In seinem Versandkatalog steht allerdings gleich auch der nächste Brocken, es dräut die nächste Auseinandersetzung: der längst projektierte Neubau des Schauspielhauses müßte beschlossen werden. Auch hier gibt es bereits Opposition. Und sie ist nicht im Urlaub.