Von Heidi Dürr

Das Großraumbüro im vierten Stock des „Spiegel-Hauses“ an der Hamburger Ost-West-Straße war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Tagesordnung für die Betriebsversammlung am 29. April 1969 hatte selbst Versammlungsmüde angelockt. Unter Punkt 3 hieß es nämlich: „Tantiemen und Gehälter (Ungerechtigkeiten, Offenlegung?).“

Doch die Neugierigen wurden enttäuscht. Sie hatten vergeblich gehofft, künftig die eigenen Verdienste mit den Gehältern der Kollegen vergleichen zu können. Die blauen Umschläge mit den Gehaltsabrechnungen sollten auch weiter undurchsichtig bleiben; denn bei der Abstimmung votierte eine knappe Mehrheit gegen die uneingeschränkte Offenlegung der individuellen Gehälter.

Lediglich der Kompromißvorschlag, die Einkommen pauschal nach Mitarbeitergruppen bekanntzugeben, wurde angenommen. Und selbst dieser Beschluß blieb Theorie: An der Umfrage beteiligten sich nur 40 Prozent der Mitarbeiter des Hauses. Nicht einmal die Hälfte der Redakteure, die auf die Forderung nach gesellschaftlichem Fortschritt geradezu abonniert sind, steckte die anonymen Fragebögen in den Antwortkasten.

So wird auch im Spiegel weiterhin ein deutscher Status quo gehütet: Die Gehälter bleiben tabu. Anders als beispielsweise in den USA. Anders auch als bei Arbeitern, Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes, deren Einkünfte sich schwarz auf weiß nachlesen lassen. Bei Angestellten der deutschen Wirtschaft gilt das Einkommen als Teil der Intimsphäre. Man „verkauft“ sich gut, und der „Kaufpreis“ wird von Arbeitnehmern und – Arbeitgebern als Geschäftsgeheimnis angesehen.

Diese Geheimniskrämerei nutzt den Angestellten, solange sie jung sind. Denn die Nachfrage nach ihrer Leistung kann den Preis in die Höhe treiben. Aber sie erweist sich als Bumerang für ältere Mitarbeiter. Sie können nicht mehr wechseln und beziehen deshalb oft bis zur Pensionierung ein viel zu niedriges Gehalt, obwohl sie dasselbe leisten wie jüngere Kollegen.

Den Arbeitgebern hilft die mangelnde Gehaltstransparenz Kosten sparen: Würden die Gehälter offengelegt, dann wären sie bei Neueinstellungen oder einzelnen Gehaltserhöhungen verpflichtet, auch andere gleichwertige Posten höher einzustufen.