Das Blech auf unseren Straßen

Preise, Steuern und Versicherung: Das Autofahren wird immer teurer. Doch das Beispiel Schweden zeigt, daß man auch etwas dagegen tun kann

Es wird wohl gar nicht mehr so lange dauern, und der Besitz eines Autos wird wieder das, was er einmal war – ein Luxus. Massenproduktion und steigender Wohlstand haben das Auto in den vergangenen beiden Jahrzehnten in der Bundesrepublik zwar zu einem Gegenstand des allgemeinen Gebrauchs gemacht, aber gerade die Massenmotorisierung treibt jetzt den Preis für die eigenen vier Räder ständig weiter in die Höhe.

Das Blech, das unsere Straßen immer mehr verstopft, zwingt den Staat zu Milliardenausgaben für den Straßenbau. Das Geld dazu kann nur über höhere Steuern aufgebracht werden. Einige Experten sehen den Zeitpunkt schon kommen, an dem ein Liter Superbenzin eine Mark kostet.

Die Massenmotorisierung führt auch zu einer ständig steigenden Zahl von Unfällen. Für den dabei entstehenden Schaden an Mensch und Material muß ebenfalls gezahlt werden. Mehr Schäden an immer teureren Wagen, höhere Ersatzteilpreise und steigende Lohnkosten führen mit unausweichlicher Konsequenz dazu, daß die Prämien in der Kfz-Haftpflichtversicherung wohl weiter von Jahr zu Jahr steigen werden.

Wie’rapide die Kosten für Unachtsamkeit und Leichtsinn. auf unseren Straßen in die Höhe schnellen, wird den Autofahrern in diesem Jahr besonders deutlich vor Augen geführt. Gerade erst sind die Prämien in der Haftpflichtversicherung drastisch heraufgesetzt worden, und schon fordern die Versicherungen erneut mehr Geld von den Autofahrern. Bereits ab 1. August sollen die neuen Tarife gelten.

Dem Bundesaufsichtsamt, das diese Forderungen zu prüfen hat, wird angesichts der erschreckend schnell steigenden Schadenssumme und der Verluste der Versicherungen im Kfz-Geschäft gar nichts anderes übrigbleiben, als die Anträge zu genehmigen. Auch wenn dann viele Autofahrer wieder jammern und auf die Versicherungen schimpfen. Für die schuldigen und unschuldigen Opfer der Massenmotorisierung müssen wir alle zahlen.

Auch wenn hieran kein Weg vorbeiführt, so sind auf der anderen Seite noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die Kosten der Unfälle so niedrig wie möglich zu halten. Daß viele Unfallopfer noch heute leben könnten, wenn die Industrie mehr für die Sicherheit der Autos tun würde (z. B. durch serienmäßig angebrachte Anschnallgurte) ist kein Geheimnis.

Das Blech auf unseren Straßen

Aber auch da, wo nur Blechschaden entsteht, könnten die Kosten niedriger gehalten werden, wenn die Autos "reparaturfreundlicher" konstruiert wären. In der jüngsten Ausgabe seiner Zeitschrift motorwelt hat der ADAC sehr nachdrücklich darauf hingewiesen, daß zahlreiche Möglichkeiten auf diesem Gebiet noch ungenutzt sind.

Der Automobilklub macht überdies auf das schwedische Beispiel aufmerksam. Dort wurde eine vorbildliche Regelung für die Staffelung der Prämien in der Kasko-Versicherung gefunden. In Schweden werden die Autos nicht wie bei uns in PS-Klassen eingeordnet (was hinsichtlich der Kaskoversicherung völlig unsinnig ist), sondern entsprechend ihrer durchschnittlichen Reparaturkosten.

Umfangreiche Untersuchungen haben nämlich ergeben, daß beispielsweise die Reparatur eines Karmann Ghia Coupé bei einem bestimmten Unfall dreimal so teuer ist wie die Instandsetzung eines VW-Käfers. Während bei uns aber der Käfer mit dem Ghia bei der Kasko-Versicherung in einer Klasse steckt, zahlt der VW-Fahrer in Schweden nur 90 Prozent der Normalprämie, der Besitzer eines Ghia dagegen 180 Prozent. Für einen Porsche 911 T sind sogar 300 Prozent fällig.

Auf diese Art braucht der Fahrer eines preisgünstig zu reparierenden Wagens nicht für die Wiederherstellung unzweckmäßig konstruierter Gefährte mitzuzahlen.

Das ist der erste positive Effekt des schwedischen Kaskosystems. Der zweite ist, daß einige Autohersteller ihre Ersatzteilpreise senkten, um auf diese Art ihre Modelle in eine günstigere Versicherungsklasse zu bekommen. General Motors beispielsweise ermäßigte die Preise laut motorwelt um 25 Prozent, Renault um 28 Prozent, Daimler um 10 bis 25 Prozent.

Das bedeutet natürlich, daß auch Blechschäden, die im Rahmen der Haftpflichtversicherung reguliert werden, billiger werden. Außerdem kann jeder Schwede mit Hilfe der Kaskotabelle sofort erkennen, ob er ein Auto kauft, bei dem notwendige Reparaturen den Geldbeutel besonders arg strapazieren.

Für die Hersteller ist das ein starker Ansporn, die Autos so zu konstruieren, daß sie sich möglichst rasch und billig reparieren lassen. Denn mancher Käufer wird seinen Entschluß, ein bestimmtes Auto zu erwerben, sicher noch einmal überdenken, wenn er so deutlich erkennen kann, daß häufig anfallende Reparaturen bei diesem Modell sehr viel kostspieliger sind als bei vergleichbaren Typen.

Das Blech auf unseren Straßen

Die deutschen Versicherungen sollten bei den Kaskoprämien so rasch wie möglich auf dieses System übergehen. Denn der Druck auf die Automobilunternehmen zum Bau reparaturfreundlicher Autos wird wachsen, wenn nicht nur ein kleines Land wie Schweden diese Methode anwendet. Vielleicht würden dann auch bald andere europäische Länder dem deutschen und schwedischen Beispiel folgen. In den USA werden bereits ähnliche Überlegungen angestellt.

Wenn die Forderung des ADAC erfüllt würde, hätten wir nicht nur eine gerechtere Staffelung der Versicherungsklassen. Eine solche Neuregelung konnte auch stark dazu beitragen, die Himmelfahrt der Reparaturkosten und damit der Versicherungsprämien zu bremsen. Das aber ist das gemeinsame Interesse der Versicherungsgesellschaften und ihrer Kunden. Sie müssen es deshalb auch gemeinsam durchsetzen – notfalls gegen den Widerstand der Industrie.