Die Warner vor einer langanhaltenden Wirtschaftsflaute bleiben in den Börsensälen ungehört. Vielmehr rechnet man mit einem so rechtzeitigen „Wiederankurbeln“, daß die Wirtschaft zur Bundestagswahl 1973 wieder in voller Blüte stehen wird, auch wenn dadurch das Ziel, die Wiederherstellung der relativen Preisstabilität, verfehlt wird. Von solchen Plänen haben die Börsianer Wind bekommen und sie glauben, sich schon jetzt gute Startpositionen für den neuen Aufschwung sichern zu müssen.

Obwohl anzunehmen ist, daß die Restriktionspolitik noch durchgehalten wird, bis die IG Metall ihre Lohnrunde beendet hat und obwohl damit gerechnet werden muß, daß das Geld noch knapper und teurer wird, hat die Anlageneignung auf dem Aktienmarkt zugenommen. Noch fehlt das Kaufvolumen, das eine allgemeine Aufwärtsbewegung einleiten könnte. Deshalb werden in diesen Tagen die einzelnen Marktgebiete vorsichtig vom Börsenberufshandel auf Gewinnchancen abgetastet. Dadurch bewegt sich die Börse im Kreise, aber immer auf einem etwas höheren Niveau.

Typisch für die gegenwärtige Börsensituation ist die Tatsache, daß unangenehme Nachrichten kaum noch zur Kenntnis genommen werden, aber positive Meldungen sich sofort in Kursanhebungen niederschlagen. So wird der Tarifabschluß in der Chemie als „Erfolg“ gewertet, weil er geeignet ist, den Druck auf die Erträge zu mildern. K. W.