Am Freitag letzter Woche ließ der Bauernverband Schleswig-Holstein eine ganzseitige Anzeige „An alle Bürger Kiels“ in die Kieler Nachrichten einrücken. Er bat die Bürger um Verständnis für die Forderung nach „Gerechtigkeit für die Landwirtschaft“ und mögliche Verkehrsschwierigkeiten in der Stadt.

Am gleichen Abend fehlte ihnen selbst das Verständnis. Auf der Kundgebung zum Deutschen Bauerntag 1971 in der Kieler Ostseehalle zwangen sie den vom Deutschen Bauernverband geladenen Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl zum Abbruch seiner Rede. Unter den schrillen Tönen von Pfiffen, Hörnern, Hupen und Kuhglocken brach der Bonner Minister seine 50-Seiten-Rede schon auf Seite 8 ab und verließ unter Protest die Versammlung von rund 8000 vornehmlich Schleswig-Holsteiner Bauern.

Auch sonst brachte der deutsche Bauerntag einige Mißtöne für die Bonner und Brüsseler Agrarpolitik. Unter aggressiven Plakaten wie „Mit der Ausbeutung der Bauern ist es jetzt Schluß!“ forderte Bauernpräsident Constantin Freiherr Heereman eine Neuorientierung und Revision der Wirtschafts- und Agrarpolitik auf europäischer wie auf nationaler Ebene: Die Agrarpreise in der EWG sollten voneinander abgesetzt werden, bis es eine gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion gebe.

  • Die Preise für landwirtschaftliche Produkte sollten aus der starren Bindung des „Grünen Dollar“ gelöst werden und nach gemeinsamen Kriterien durch den EWG-Ministerrat auf nationaler Ebene festgesetzt werden.
  • Ein auf den vollen Warenwert abgestelltes Grenzausgleichssystem für Agrarprodukte soll die Preise absichern.
  • Auf nationaler Ebene soll die Verminderung des Aufwertungsausgleichs von 1972 an verhindert, die verstärkte Zinsverbilligung sowie die Liquiditätshilfe auch in den kommenden Jahren fortgeführt werden.
  • Die Landwirtschaft soll eine Mehrwertsteuerpräferenz für ihre Produkte durch eine drei Prozent höhere Vorsteuerpauschale erhalten.
  • Auf sozialem Gebiet fordern die Bauern die unverzügliche Verabschiedung eines Gesetzes über die Krankenversicherung, die Fortentwicklung der landwirtschaftlichen Altershilfe und die gesetzliche Verankerung von Bundeszuschüssen zur Unfallversicherung.

Die bäuerliche Forderung – vor allem nach „Renationalisierung“ der EWG-Agrarpolitik – findet allerdings weder in Bonn noch in Brüssel Anklang. Ertl in seinem unverlesenen Manuskript: „Unrealistisch und integrationshemmend.“

gf