Das Wunderkind der deutschen Textilindustrie, Erich Selbach, seit 34 Jahren Vorstandsvorsitzender der Girmes-Werke AG in Oedt bei Krefeld, wartete vor seinem Rücktritt noch einmal mit einer Überraschung auf. Er will die Aktionäre, die die 30 Millionen Mark Kapital der Girmes-Werke besitzen einen Großaktionär gibt es nicht –, direkt an der kanadischen Tochtergesellschaft J. L. de Ball of Canada Ltd. beteiligen.

Den Girmes-Aktionären wird anläßlich einer Kapitalerhöhung des kanadischen Unternehmens ein Bezugsrecht auf die Hälfte des Aktienkapitals eingeräumt, wobei auf 100 Mark Girmes-Aktien zwei shares zu je einem Dollar bezogen werden können. Nach dem Vorschlag der Verwaltung kann der Kaufbetrag (etwa sieben Mark) von der diesjährigen Girmes-Dividende (20 Prozent und zwei Prozent Bonus) abgezogen werden. Die kanadischen Aktien werden zu pari emittiert.

Das kanadische Unternehmen, das in Granby bei Montreal in der Provinz Quebec mit Investitionen von insgesamt zehn Millionen Mark errichtet und im Oktober die Produktion von Heimtextilien und Freizeitkleidung aufnehmen wird, befindet sich jetzt noch voll im Besitz der Girmes-Werke. Anläßlich der Produktionsauf nähme wird das Kapital auf 1,2 Millionen kan. Dollar aufgestockt, von denen 600 000 Dollar den Aktionären angeboten werden.

Das Stammwerk, das in jedem Fall die Mehrheit an der kanadischen Tochter behält, da es nicht nur 50 Prozent des Kapitals übernimmt, sondern auch das Bezugsrecht auf einige in eigenem Besitz befindliche Aktien ausübt, behält sich das Vorkaufsrecht auf die De-Ball-Aktien vor, die nicht von den Aktionären bezogen werden.

Der Aufsichtsratsvorsitzende von Girmes, Dr. Andreas Kleffel von der Deutschen Bank, begrüßte das Angebot, das „eine gute Portion Phantasie“ verrate. Es ist das erste Mal, daß in der Bundesrepublik diese Konstruktion gewählt wird. Vor etwa eineinhalb Jahrzehnten hatte der Vorstandsvorsitzende von Mannesmann, Zangen, ein ähnliches Angebot angekündigt, ohne daß es jemals realisiert wurde. Selbach: „Wir wollten den Aktionären einmal etwas Neues bieten.“ Eine Kapitalerhöhung hier in Deutschland sei angesichts der Börsenverfassung kaum zumutbar gewesen, obwohl der Stand der Girmes-Aktien mit 800 Prozent zufriedenstellend sei.

Die Aktien der kanadischen Tochter werden zunächst von einer Bank übernommen, die auch den von Bank-zu-Bank-Handel regeln wird, bevor eine Börseneinführung erfolgen kann. Erich Selbach meinte, de Ball werde im ersten Geschäftsjahr einen Umsatz von rund fünf Millionen Dollar (etwa 17,2 Millionen Mark) machen. Dividendenträchtig werde de Ball etwa nach zwei bis drei Jahren sein. Die Chancen seien gut, denn die Produktion erstrecke sich auf Erzeugnisse aus dem deutschen Programm, die im kanadischen und im benachbarten amerikanischen Markt gefragt seien, deren Export aus der Bundesrepublik jedoch wegen der Frachtkosten und Zölle nicht lohne.

Eine Sperre für den Weiterverkauf der De-Ball-Aktien hält „Mister 20 Prozent“, wie Selbach wegen der seit 1967 gezahlten Stammdividende genannt wird, nicht für erforderlich. Die Möglichkeit, daß ein Außenseiter ein Paket von De-Ball-Aktien zusammenkauft, schreckt ihn nicht: „Und wenn schon, uns ist jeder Aktionär willkommen.“ Er glaubt, daß mindestens 90 Prozent der Girmes-Aktionäre von dem Angebot Gebrauch machen. Schließlich stehen die Girmes-Werke dahinter“, fügt Selbach selbstbewußt hinzu, der jetzt in den Aufsichtsrat hinüberwechselte. mh