Von Dietrich Strothmann

Es war wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht: furchterregend und phantastisch. Im Garten der königlichen Sommerresidenz von Skhirat, südlich Rabats, an der Atlantikküste, hatte sich am vergangenen Sonnabend zur Mittagszeit eine illustre Gesellschaft versammelt. Diplomaten und Militärs, die Spitzen des Staates und des Hofes feierten den 42. Geburtstag des Königs. Sie plauderten, tranken Cocktails, umstanden das reichhaltige Buffet am Swimming-pool.

Plötzlich fielen Schüsse. Eine arabische Fantasia, die üblichen Reiterspiele zu Ehren Hassans II., Seiner Scherifischen Majestät? Ein Gast stürzte zu Boden, er blutete. Das Spiel war Ernst: Auf dreißig Armeelastwagen waren rund 1000 Kadetten der Unteroffiziersschule von Ahermoumou, ausgerüstet mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Mörsern, vor den Sommerpalast gebracht worden. Sie stürmten in den Garten, schossen wild um sich. In wenigen Minuten hatten sie ein Blutbad angerichtet. Unter den Toten waren sechs Generale, die Botschafter Belgiens und Senegals in Marokko, der Leibarzt des Königs, der Tourismus-Minister und der Präsident des Obersten Gerichtshofes.

Vor die Füße Hassans rollte eine Handgranate; geistesgegenwärtig schleuderte sie Habib Bourgiba, der Sohn des tunesischen Präsidenten, in die Luft. Ein Kadett führte den König, der die Hände hinter den Kopf halten mußte, in einen Saal des Palastes. Dort fiel er vor ihm auf die Knie und küßte der "erhabenen Majestät" die Hand.

Nach fünf Stunden war der Spuk des Putsches vorbei. In den Straßen jubelten die Massen: "Yahza Malik" – "Lang lebe der König!" Und am Morgen des übernächsten Tages wurden zehn Rädelsführer der Rebellion von einem Exekutionskommando erschossen.

Einem Wunder nur verdankt Hassan sein Leben oder, wie er in einer Rundfunkansprache verkündete, "der Gnade des Allmächtigen". Viel hätte nicht gefehlt, und Marokkos Monarchie wäre von einem Staatsstreich hinweggefegt worden oder in einem blutigen Bürgerkrieg untergegangen. Aber: im Garten von Skhirat verfehlten den König die Kugeln, wurde der Anführer der Putschisten, General Medbouh, Schwager des Monarchen und Chef des Militärkabinetts, irrtümlich von seinen eigenen Leuten getötet, schoß der Kadett, der Hassan abführte, nicht auf ihn. Später behauptete der Regent, die Unteroffiziersschüler hätten unter Drogeneinfluß gestanden, sie seien unter dem Vorwand zum Palast gebracht worden, ihn vor einer drohenden Rebellion zu schützen. Es habe sich um einen "Aufstand à la Libyen" gehandelt, "völlig unterentwickelt wie alles in Libyen".

Hassan II. ist einer der letzten arabischen Monarchen. Wie die Könige von Jordanien und Saudi-Arabien lebt auch er gefährlich. Arabischer Nationalismus und revolutionärer Sozialismus sind die Waffen, die er fürchten muß. Und nach der mißglückten Revolte vom Wochenende, der die Mehrzahl der führenden Militärs zum Opfer fiel, kann er nicht einmal mehr auf die Armee bauen, die sonst der Hüter des Königtums war. Mehr noch: Es wächst die Furcht, ob nicht eines Tages General Oufkir, der allmächtige Innenminister und Geheimdienstchef, der nun als Generalgouverneur alle zivile und militärische Gewalt in Händen hält, sein gefährlichster Nebenbuhler werden könnte. Heute heißt es noch: der König und sein General. Bald könnte es umgekehrt heißen: der General und sein König.

An Attentate hat sich auch Hassan längst gewöhnt. Putschversuche der linken "Union National des Forces Populaires", Demonstrationen der rechten Unabhängigkeitspartei"Istiqhal", der Arbeiter und Studenten hat er mit Hilfe Oufkirs stets brutal zerschlagen können. Seiner stärksten Widersacher entledigte er sich, indem er sie – wie Ben Barka, seinen ehemaligen Hauslehrer, entführen und töten ließ – oder indem er ihnen den Prozeß machte, wo sie zum Tode oder zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurden. Er selber freilich machte seine Hände dabei nie schmutzig; er, der 22. Herrscher aus dem Alawitengeschlecht und Nachkomme der Familie des Propheten Mohammed, weltliches und geistliches Oberhaupt Marokkos, hatte immer seine Helfer für das häßliche Geschäft der Gewalt – vor allem den Vasallen Mohammed Oufkir.

Der heute 47jährige General, den sie den "Panther" nennen und der schon als 18jähriger während des 2. Weltkrieges in der französischen Armee kämpfte, ist von anderem Zuschnitt als sein König. Sein Gesicht ist hart, seine Augen verraten den furchtlosen Haudegen, der Befehle ausführt, ohne zu fragen, ob sie gerecht sind und menschlich. 1965 hatte ihn ein französisches Gericht in Abwesenheit zu lebenslänglicher. Haft verurteilt, weil er für schuldig befunden worden war, an der Entführung und Beseitigung des in Paris lebenden Oppositionspolitikers Ben Barka aktiv beteiligt gewesen zu sein. General de Gaulle brach damals die diplomatischen Beziehungen zu Rabat ab. Doch der König ließ ihn nicht fallen, auch dann nicht, als Staatspräsident Pompidou für den Austausch von Botschaftern die Entlassung Oufkirs zur Bedingung stellte. Ohne ihn wäre Hassan schon längst ein toter Mann. Wird er mit ihm nach dem blutigen Wochenende und der Säuberungskampagne, die unter seiner Führung im vollen Gange ist, noch lange König sein?

Auch Hassan II. wird nachgesagt, daß er unbarmherzig sein kann. Die zarte Gestalt, die großen, schwarzen Augen, die eher an einen traurigen Träumer erinnern, mögen täuschen. Längst auch hat der Monarch in den zehn Jahren seiner Regentschaft seine Playboy-Allüren abgelegt. Ihm, dem Monarchen eines armen, von Korruption und Vetternwirtschaft gezeichneten Landes, bleibt nicht mehr viel Zeit für Polo, Tennis, Golf, Fahrten in Rennwagen und Flügen in Sportmaschinen. Vergessen sind auch seine amourösen Abenteuer, darunter mit einem französischen Filmstar, verblichen sein Ruf, "Marokkos bestangezogener Mann" zu sein, dank eines italienischen Schneiders.

Auf ihm lastet die Bürde wachsender Schulden und steigender Defizite. Er muß gegen die Schwierigkeiten ankämpfen, zwischen panarabischen Anforderungen und westlichem Wohlverhaltens-Verlangen einen Mittelkurs steuern zu können. Und er muß sich nun der Gefahren erwehren, die nicht nur mit den Revolutionären in seinem Lande auftauchen, sondern ebenso mit der Frontenbildung in der Armee und der totalitären Macht, die er Mohammed Oufkir zugestehen mußte.

Glück und Geschick sind Fremdworte für den König. Selten nur konnte er mit dem, was er erreichte, zufrieden sein: das Ende des Grenzkrieges mit Algerien, die Aussöhnung mit Frankr reich und Spanien, der Versuch, zugleich gut Freund zu sein mit Washington und Moskau, sich aus den innerarabischen Händeln, aus der Konfrontation mit Israel und den palästinensischen Guerillas herauszuhalten. Im Lande selbst brachte er nur wenig zuwege: die Zahl der Analphabeten ist noch immer groß, die Lebensmöglichkeiten der Bauern zu gering, die Industrialisierung machte ebensowenig Fortschritte wie die Demokratisierung. Mit Polizisten und Richtern muß Hassan für "Ruhe und Ordnung" sorgen. Sie Und der Islam sind seine Stützen. Jedesmal, wenn er die Palastwache passiert, ruft sie ihm zu: "Allah schütze den König!" Und der König selber bedient sich zuweilen der Sprache eines menschenverachtenden Diktators. Zu der "Affäre Ben Barka" sagte er damals: "Wir haben unsere Feinde verbrannt, wir haben ihre Köpfe auf die Zinnen gesteckt."

Ungewiß ist, ob auch in Zukunft in Marokko "alles vom König abhängt – mit Ausnahme des Wetters", wie es einmal einer seiner Minister behauptete. Im Augenblick jedenfalls sieht es eher so aus, als hinge es allein vom General Oufkir ab, ob der König noch lange König ist. Ihm hat er viel zu verdanken: Hassan machte ihn zum Adjutanten seines Vaters, obwohl er wegen seiner aktiven Mitarbeit im Amt des damaligen französischen Ministerpräsidenten in Ungnade gefallen war. Hassan hielt auch zu ihm, als Paris seinetwegen die Beziehungen zu Marokko abbrach. Stolz verkündete Oufkir zu jener Zeit: "Ich habe mehr Tapferkeitsauszeichnungen als General de Gaulle."

Aber auch in der modernen Märchenwelt von Tausendundeiner Nacht gibt es den Freund, der zum Feind wurde, den Gefährten, den die Macht verleitete, eines Tages die Gewalt an sich zu reißen. Noch sind beide, der König und der General, verschworen, den Verschwörern das Handwerk zu legen. Doch wer mag sich dafür verbürgen, daß aus dem Verschworenen nicht selber ein Verschwörer wird?