An Attentate hat sich auch Hassan längst gewöhnt. Putschversuche der linken "Union National des Forces Populaires", Demonstrationen der rechten Unabhängigkeitspartei"Istiqhal", der Arbeiter und Studenten hat er mit Hilfe Oufkirs stets brutal zerschlagen können. Seiner stärksten Widersacher entledigte er sich, indem er sie – wie Ben Barka, seinen ehemaligen Hauslehrer, entführen und töten ließ – oder indem er ihnen den Prozeß machte, wo sie zum Tode oder zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurden. Er selber freilich machte seine Hände dabei nie schmutzig; er, der 22. Herrscher aus dem Alawitengeschlecht und Nachkomme der Familie des Propheten Mohammed, weltliches und geistliches Oberhaupt Marokkos, hatte immer seine Helfer für das häßliche Geschäft der Gewalt – vor allem den Vasallen Mohammed Oufkir.

Der heute 47jährige General, den sie den "Panther" nennen und der schon als 18jähriger während des 2. Weltkrieges in der französischen Armee kämpfte, ist von anderem Zuschnitt als sein König. Sein Gesicht ist hart, seine Augen verraten den furchtlosen Haudegen, der Befehle ausführt, ohne zu fragen, ob sie gerecht sind und menschlich. 1965 hatte ihn ein französisches Gericht in Abwesenheit zu lebenslänglicher. Haft verurteilt, weil er für schuldig befunden worden war, an der Entführung und Beseitigung des in Paris lebenden Oppositionspolitikers Ben Barka aktiv beteiligt gewesen zu sein. General de Gaulle brach damals die diplomatischen Beziehungen zu Rabat ab. Doch der König ließ ihn nicht fallen, auch dann nicht, als Staatspräsident Pompidou für den Austausch von Botschaftern die Entlassung Oufkirs zur Bedingung stellte. Ohne ihn wäre Hassan schon längst ein toter Mann. Wird er mit ihm nach dem blutigen Wochenende und der Säuberungskampagne, die unter seiner Führung im vollen Gange ist, noch lange König sein?

Auch Hassan II. wird nachgesagt, daß er unbarmherzig sein kann. Die zarte Gestalt, die großen, schwarzen Augen, die eher an einen traurigen Träumer erinnern, mögen täuschen. Längst auch hat der Monarch in den zehn Jahren seiner Regentschaft seine Playboy-Allüren abgelegt. Ihm, dem Monarchen eines armen, von Korruption und Vetternwirtschaft gezeichneten Landes, bleibt nicht mehr viel Zeit für Polo, Tennis, Golf, Fahrten in Rennwagen und Flügen in Sportmaschinen. Vergessen sind auch seine amourösen Abenteuer, darunter mit einem französischen Filmstar, verblichen sein Ruf, "Marokkos bestangezogener Mann" zu sein, dank eines italienischen Schneiders.

Auf ihm lastet die Bürde wachsender Schulden und steigender Defizite. Er muß gegen die Schwierigkeiten ankämpfen, zwischen panarabischen Anforderungen und westlichem Wohlverhaltens-Verlangen einen Mittelkurs steuern zu können. Und er muß sich nun der Gefahren erwehren, die nicht nur mit den Revolutionären in seinem Lande auftauchen, sondern ebenso mit der Frontenbildung in der Armee und der totalitären Macht, die er Mohammed Oufkir zugestehen mußte.

Glück und Geschick sind Fremdworte für den König. Selten nur konnte er mit dem, was er erreichte, zufrieden sein: das Ende des Grenzkrieges mit Algerien, die Aussöhnung mit Frankr reich und Spanien, der Versuch, zugleich gut Freund zu sein mit Washington und Moskau, sich aus den innerarabischen Händeln, aus der Konfrontation mit Israel und den palästinensischen Guerillas herauszuhalten. Im Lande selbst brachte er nur wenig zuwege: die Zahl der Analphabeten ist noch immer groß, die Lebensmöglichkeiten der Bauern zu gering, die Industrialisierung machte ebensowenig Fortschritte wie die Demokratisierung. Mit Polizisten und Richtern muß Hassan für "Ruhe und Ordnung" sorgen. Sie Und der Islam sind seine Stützen. Jedesmal, wenn er die Palastwache passiert, ruft sie ihm zu: "Allah schütze den König!" Und der König selber bedient sich zuweilen der Sprache eines menschenverachtenden Diktators. Zu der "Affäre Ben Barka" sagte er damals: "Wir haben unsere Feinde verbrannt, wir haben ihre Köpfe auf die Zinnen gesteckt."

Ungewiß ist, ob auch in Zukunft in Marokko "alles vom König abhängt – mit Ausnahme des Wetters", wie es einmal einer seiner Minister behauptete. Im Augenblick jedenfalls sieht es eher so aus, als hinge es allein vom General Oufkir ab, ob der König noch lange König ist. Ihm hat er viel zu verdanken: Hassan machte ihn zum Adjutanten seines Vaters, obwohl er wegen seiner aktiven Mitarbeit im Amt des damaligen französischen Ministerpräsidenten in Ungnade gefallen war. Hassan hielt auch zu ihm, als Paris seinetwegen die Beziehungen zu Marokko abbrach. Stolz verkündete Oufkir zu jener Zeit: "Ich habe mehr Tapferkeitsauszeichnungen als General de Gaulle."

Aber auch in der modernen Märchenwelt von Tausendundeiner Nacht gibt es den Freund, der zum Feind wurde, den Gefährten, den die Macht verleitete, eines Tages die Gewalt an sich zu reißen. Noch sind beide, der König und der General, verschworen, den Verschwörern das Handwerk zu legen. Doch wer mag sich dafür verbürgen, daß aus dem Verschworenen nicht selber ein Verschwörer wird?