Meine Moral ist meine Privatsache!“ – so schallte es in den letzten beiden Wochen aus dem englischen Blätterwald. Hineingerufen von der irischen „Jeanne d’Arc“ Bernadette Devlin, der jüngsten Abgeordneten im britischen Unterhaus. Diesmal war es kein Aufruf zum Kampf gegen soziale Unterdrückung katholischer Minderheiten in Nordirland, sondern eine Verteidigung ihrer eigenen Person als Frau. Denn Bernadette ist schwanger und nicht verheiratet. Und vor allem – Bernadette ist katholisch.

Die Londoner Times räumt dem Parlamentsbaby ihre Spalten so großzügig fein, daß man schon vom rein Optischen her mehr als nur ein biologisches Massenschicksal dahinter vermuten muß. In einem von der Irish Times übernommenen ausführlichen Interview sagt Bernadette Devlin: „Bei der letzten Wahl fragten sich viele Leute, ob ich das moralische Rüstzeug hätte, den Bezirk Mid-Ulster zu vertreten. Meine Haltung ist heute die gleiche wie damals. Meine Moral ist eine Privatsache. Als Mitglied des Parlaments vertrete ich ein politisches Programm Ich bin mir darüber bewußt, daß einige es jetzt darauf angelegt haben, mir aus meinem Privatleben den politischen Fallstrick zu drehen. Andere werden es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren können, mich politisch zu unterstützen, und wenn dennoch, dann nur unter großen Skrupeln... Das politische Leben sollte vom Privatleben scharf getrennt werden.“ Und auf die Frage nach der Reaktion der Kirche: „Ich glaube nicht, daß die Kirche versuchen wird, mich auf Grund einer privaten Situation hinzurichten. Es ist nicht die Aufgabe der Geistlichkeit, von der Kanzel aus zu denunzieren.“

Parlamentsmitglied Ivan Cooper sagte im Guardian: „An den Folgen ihrer Erklärung wird Bernadette Devlin als MP stark zu tragen haben.“ Und er wies darauf hin, daß die Toleranz der Irländer in Sachen Moral noch sehr in den Kinderschuhen stecke.

Der Führer der protestantischen „Orange“-Bewegung in Nordirland, Martin Smyth, erklärte in der International Herald Tribune: „Wir fordern von unseren Politikern ein höheres Niveau, ganz gleich, auf welcher Seite sie politisch stehen.“ Und die Unabhängige Sozialistische Organisation von Mid-Ulster rief: „Bernadette Devlin ist ein privates Individuum und kein öffentliches Eigentum.“ Und Newsweek: „Ihre Moral verteidigt B. Devlin als eine Privatsache, aber ihre Situation ist eine Beute der Öffentlichkeit geworden.“

Bernard Levin ruft Bernadette Devlin in der Times vom 6. Juli ein „good luck“ zu und erinnert sie an den Fall des irischen Unabhängigkeitskämpfers Parnell, dessen Verwicklung in einen Scheidungsprozeß vor 90 Jahren seiner Karriere ein dramatisches Ende und der irischen Freiheitsbewegung schweren Schaden zugefügt hatten. „Es war nicht Gladstone, der diesen mutigen Mann zu Fall gebracht hat, oder Lord Salisbury, oder auch seine etwas widerspenstigen Anhänger: es war die Hierarchie der römischkatholischen Kirche in Irland.“

Christiane Günter