Von Cornelia Jacobsen und Manfred Hank

Ich kann gar nicht mehr gescheit denken seit der Kündigung, so hat mich das mitgenommen“, schluchzt die Frau; und ihr Mann sagt: „Das sind bloß Spekulanten, die machen auf dem kürzesten Weg soviel Geld wie möglich; aber was hier wird, wer in den Wohnungen wohnt und wie, das ist denen Wurscht. Wenn sie nur ihren Gewinn haben, ihren horrenden Gewinn, dann ist das für die erledigt. Die Olympiagewinnler!“

Zornig sagt er: „Im Haus da drüben, Sie können es vom Fenster aus sehen, da haben sie allen Mietern gekündigt. Wegen Einsturzgefahr. Jetzt ist aber das Schild ‚Einsturzgefahr‘ plötzlich weg, und da wohnen nun lauter Griechen und Italiener drin.“

Das Ehepaar S. ist fast so alt wie unser Jahrhundert; es wohnt seit 25 Jahren in derselben Wohnung, in der Münchner Maxvorstadt.

Diese Maxvorstadt (eher ein städteplanerischer als ein volkstümlicher Begriff) ist heute längst nicht mehr Vorstadt, sondern durchaus Innenstadt. Es ist das Viertel in dem die Universität liegt – Amalienstraße, Hohenzollernstraße, Ludwigstraße.

Vor sechs Jahren sind dieser Bezirk und Teile des angrenzenden Schwabings vom Stadtrat zum Kerngebiet erklärt worden; das bedeutet, daß hier Wohngebiete für stärkere gewerbliche Nutzung freigegeben wurden. Zunächst war die Auswirkung dieses Beschlusses für die Bevölkerung nicht spürbar; inzwischen jedoch ist allen sieht-, bar geworden, daß Banken, Versicherungen, Büros aller Art die Wohnhäuser und deren Bewohner verdrängen. Die Mieter sind empört und verzweifelt. Sie versuchen, sich zu. wehren, und sind am Ende doch alle nur von einem überzeugt: von ihrer Ohnmacht.

Frau S. erzählt: „Wir haben uns die Wohnung selbst gebaut. Nach dem Krieg war hier gar nichts. Nur Schutt. Wir haben halt fünfzigtausend Mark Geld gehabt, das ist hier reingegangen. Nicht ein Nagel wurde uns bezahlt, kein Türgriff, nichts.“