Nach der letzten Zentralbankratssitzung äußerte sich Bundesbankpräsident Karl Klasen „sehr zufrieden mit der kreditpolitischen Entwicklung in der Bundesrepublik“. Trotzdem lockerte die Notenbank ihre Restriktionspolitik nicht.

Kann der in den letzten Wochen verschärfte Restriktionskurs der Bundesbank ohne Gefahr für die Beschäftigung der Wirtschaft noch lange durchgehalten werden?

Hesselbach: Ich habe in letzter Zeit mehrfach die Meinung geäußert, daß die Restriktionspolitik der Bundesbank zusammen mit dem ebenfalls restriktiv wirkenden Konjunkturprogramm der Regierung – in Verbindung mit der „defacto“-Aufwertung – eine rezessive Entwicklung nicht gewollten Ausmaßes herbeiführen kann. Inzwischen haben sich auch die Stimmen aus der Wirtschaft gemehrt, die ebenfalls vor einer zu lang anhaltenden Restriktionspolitik warnen.

Es ist zu bedenken, daß bei gedrückten Gewinnen, rückläufigem Umsatz, unzureichender Produktivitätssteigerung und hohen Kapital kosten das Spiel mit der Rezession gefährlich ist. Deshalb habe ich bereits vor Wochen eine behutsame Geld- und Kreditpolitik gefordert, sozusagen eine „soft credit policy“, die aus Diskontsenkung, sukzessiver Mindestreservesenkung und gezielter Offenmarktpolitik bestehen sollte.

Kann die Bundesbank in dem Tarifabschluß der chemischen Industrie ein Zeichen für „lohnpolitische Vernunft“ sehen und als Anlaß betrachten, ihren Kurs zu lockern?

Hesselbach: Ich bin grundsätzlich der Auffassung, daß die Lohnpolitik nicht das entscheidende Kriterium für Wirtschaftspolitik und Notenbankpolitik sein kann. Man muß sich an einem ganzen Kranz gesamtwirtschaftlicher Daten, vor allem an den sogenannten Frühindikatoren, wie zum Beispiel den Auftragseingängen, orientieren. Preisstabilität setzt auch Produktivitätsfortschritte und ein angemessenes Wachstum voraus.

Wenn die Bundesbank aber in der sogenannten „lohnpolitischen Vernunft“ ein entscheidendes Kriterium für ihr Verhalten sieht, so kann sie die letzten lohnpolitischen Entscheidungen nicht unbeachtet lassen. Es wäre jedenfalls wünschenswert, wenn sie die Konsequenzen daraus zöge.