Helsinki, im Juli

Bis auf die gleißende Julisonne, die auffallend zu den schnee- und nebelreichen Tagen der beiden vorhergehenden SALT-Runden in Helsinki kontrastierte, schien sich kaum etwas verändert zu haben, als in der vergangenen Woche die fünfte Phase der Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstung begann. Der amerikanische Chefdelegierte Gerard „Gerry“ Smith, der auf jeden den Eindruck eines Wall-Street-Bankiers macht, verließ auf dem Flughafen Helsinki wie gewohnt als erster seiner Delegation die strahlend weiße Luftwaffenmaschine. Gleich darauf begab er sich zum Hotel Kalastajatorppa, in dem die amerikanische Delegation untergebracht ist. Als nächster traf der sowjetische Chefdelegierte Wladimir Semjonow ein. Er war mit einem Nachtzug aus Moskau gekommen. Auf Semjonows kahlem Schädel spiegelte sich die Sonne, als er auf dem Bahnsteig vor einem Pulk von Mikrophonen seine kurze Ankunftserklärung verlas.

Doch obwohl der Rahmen so unverändert erschien, hatte sich irgend etwas grundlegend gewandelt. Beide Delegationen strahlten einen Hauch von Erwartung aus. Die amerikanischen Vertreter (zur isolierten sowjetischen Delegation gibt es kaum einen Kontakt) sind diesmal keine blauäugigen Träumer, die „Abrüstung unter allen Bedingungen“ wollen. Aber es ist unübersehbar, daß auch sie die gemeinsamen Erklärungen Moskaus und Washingtons vom 20. Mai dieses Jahres als einen entscheidenden Durchbruch ansehen.

Damals hatte sich Präsident Nixon unter dem Eindruck, daß die Gespräche seit fast einem Jahr auf einem Tiefpunkt angelangt seien, persönlich an den sowjetischen Premierminister Kossygin gewandt. Er wollte den Stillstand überwinden, der aus den grundlegenden Differenzen über den Verhandlungsablauf entstanden war. Anfangs waren die Amerikaner der Ansicht gewesen, daß schon ein Abkommen nur über die Raketenabwehrsysteme (ABM) ein großer Fortschritt sein würde. Aber als die sowjetische Offensiv-Streitmacht – besonders die überschweren Raketen vom Typ SS-9 – in den letzten Jahren immer stärker wuchs, war die Notwendigkeit einer Begrenzung auch der offensiven Waffen für die Amerikaner unübersehbar geworden. Zwar ist die SS-11 nach wie vor das Rückgrat des sowjetischen Raketenarsenals, aber die riesige SS-9 bereitet den Amerikanern besondere Sorgen, weil sie zu einem ersten Schlag gegen die amerikanischen Minuteman-Silos eingesetzt werden könnte.

Aus den amerikanischen Befürchtungen entwickelte sich ein Plan, der am 4. August des vergangenen Jahres auf den Tisch gelegt wurde. Er sah eine Begrenzung an Abwehrraketen vor, sollte aber gleichzeitig zu einer quantitativen Beschränkung beider Seiten auf ungefähr 1900 Angriffsraketen führen. Jede Nation sollte über die Aufteilung des Quantums in Land- oder Seeraketen selbst entscheiden. Die Amerikaner forderten nur eine Ausnahme: Die Herstellung von SS-9-Raketen sollte auf 300 Stück beschränkt werden. Zu jenem Zeitpunkt der Verhandlungen waren die Amerikaner nicht gewillt, über Abwehrraketen zu diskutieren, wenn nicht gleichzeitig über Offensivwaffen gesprochen werden würde.

Auf der anderen Seite zeigten die Sowjets, die anfänglich mehr an Gesprächen über Offensivwaffen interessiert waren (ihnen graute geradezu vor einer Begrenzung der ABMs) sich immer stärker besorgt über das amerikanische Safeguard-Raketenabwehrprogramm. Auch sie schwenkten dabei um 180 Grad und bestanden nun darauf, nur noch über ein ABM-Abkommen zu sprechen. In Wien legten die Sowjets im April einen Entwurf vor, der sich lediglich mit Abwehrraketen beschäftigte. Er sah begrenzte Raketenabwehrsysteme für die „nationalen Hauptstädte“, für Moskau und Washington, vor.

Die Sowjets trugen wesentlich zum Stillstand der Gespräche bei, indem sie sich standhaft weigerten, über eine Begrenzung der Offensivwaffen zu sprechen. Gleichzeitig, so forderten sie, müßte über die „vorgeschobenen Systeme“ (FBS), über die in Europa gelagerten Nuklearwaffen, die von Starfightern und Phantoms in die Sowjetunion befördert werden könnten, verhandelt werden. Die Amerikaner sträubten sich verständlicherweise, diese Systeme einzubeziehen, die von ihren europäischen Alliierten als lebenswichtig für ihre Verteidigung angesehen werden. Sie weigerten sich, das FBS-Problem überhaupt zu diskutieren. Die Folge war, wie es ein hoher amerikanischer Delegierter beschrieb, daß „die Verhandlungen in eine völlige Sackgasse geraten waren“. „Wir Waren wie Schiffe, die sich in der Nacht begegnen“, meinte ein Beamter aus Washington.