Von Günter Haaf

Vor einigen Monaten erst hegten renommierte Geophysiker Zweifel an der Kontinentalverschiebungsthese, nach der Nordafrika und Nordamerika einst verbunden gewesen sein sollen.

Altersbestimmungen an Gesteinen aus den Kontinentalabhängen der beiden Erdteile erbrachten damals eine Diskrepanz von 45 Millionen Jahren. Die noch junge Lehre vom sea floor spreading (vom auseinandertreibenden Meeresboden) jedoch sagt, daß der Ozeanboden mit gleichen Geschwindigkeiten von den mittelozeanischen Gebirgsrücken – den Aufquellzonen neuen Meeresbodens – wegstrebt.

Nun glauben drei Forscher, den Gelehrtenstreit um den erdwissenschaftlichen Zankapfel Nordatlantik endgültig begraben zu können. Unlängst berichteten Walter Clarkson Pitman I, James Heirtzler und M. Talwani vom Lamont-Doherty Geological Observatory der New Yorker Columbia University, daß sie alle Zweifel über die Entstehungsgeschichte der nördlichen Atlantikhälfte ausräumen können. In der Wissenschaftszeitschrift „Barth and Planetary Science Letters“ veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse, nach denen der Nordatlantik zwei verschiedene Werdegänge hinter sich hat.

Die Trennlinie der ungleichen Ozeanhälften ist demnach die „Azorenschwelle“, ein untermeerischer Gebirgszug zwischen Gibraltar und den Azoren. Nördlich von dieser Grenze quollen in den letzten 72 Millionen Jahren etwa 70 Prozent der heutigen ozeanischen Erdkruste zwischen Europa und Nordamerika aus dem Mittelatlantischen Rücken. Südlich davon entstanden jedoch während der gleichen Zeit nur 35 Prozent der gesamten jetzigen Atlantikbreite.

Pitman und seine Kollegen schließen aus ihrer Arbeit, daß Afrika und Nordamerika vor gut 180 Millionen Jahren auseinanderzutreiben begannen. Freilich war die Drift nicht immer gleichmäßig.

So registrierten die Wissenschaftler eine 29 Millionen Jahre lange Pause mit nur geringen Bewegungsraten. Nördlich der Azorengrenze strebte der Meeresboden vor dieser Verlangsamung mit zwei Zentimetern pro Jahr auseinander, bremste dann auf jährlich 0,4 Zentimeter ab, um vor neun Millionen Jahren wieder auf 1,3 Zentimeter im Jahr zu beschleunigen. Eine ähnliche Pause fanden die Forscher auch südlich der Azoren.

Beweise für den erdgeschichtlichen Bummelstreik lieferten Tiefseebohrungen im Atlantik. 150 Kilometer östlich und westlich des Mittelatlantischen Rückens stießen die Bohrmeißel in unverhältnismäßig dicke Ablagerungsschichten. Mindestalter der anormalen Sedimentlagen: neun Millionen Jahre.