Eines Tages gelangte die Doppelseite einer Zeitung auf meinen Schreibtisch, deren Herkunft ich zunächst nicht enträtseln konnte: Billiges Papier, provinzieller Druck mit ein wenig altmodischen Vignetten geschmückt. Die nähere Prüfung ergab, daß es sich um eine deutschsprachige Zeitung handelte, die in Zelinograd in der sowjetischen Republik Kasachstan herauskommt.

Eine deutsche Zeitung aus dem Jahre 1971, jenseits des Urals gedruckt? Noch verblüffter war ich, als ich darin einen langen Artikel über Heinrich Böll entdeckte, verfaßt von meinem Freunde Lew Kopelew, einem hervorragenden sowjetischen Germanisten. Ich begann zu lesen, fasziniert von der Sensibilität und dem Spürsinn, mit dem der Russe die Gedichte des Deutschen intellektuell analysiert und soziologisch-historisch interpretiert – ein erstaunliches Land, in dem in einer Provinzzeitung solche Aufsätze erscheinen.

Wieso es dort überhaupt eine deutsche Zeitung gibt? In das Gebiet von Kasachstan sind während des Zweiten Weltkrieges ein Teil der Wolgadeutschen umgesiedelt worden, deren Vorfahren – Hessen, Schwaben, Sachsen, Bayern – von Katharina II. nach 1763 ins Land geholt worden waren. In ihrer alten Heimat, der Wolgadeutschen Republik, lebten bis 1941 rund eineinhalb Millionen Deutsche. Heute dürften es etwa ebenso viele sein, die über Kasachstan und Westsibirien verstreut sind. Sie haben jetzt wieder deutsche Zeitungen, und dort, wo der Schwerpunkt ihrer kulturellen Aktivität liegt, in Karaganda und Alma Ata, der Hauptstadt von Kasachstan, gibt es regelmäßig auch Radiosendungen in deutscher Sprache.

Gern möchte ich noch etwas über Lew Kopelew sagen, weil er zu jenen gehört, die Entscheidendes für den kulturellen Austausch und die geistige Verständigung zwischen unseren Völkern tun könnten. Kopelew, heute Ende Fünfzig, wurde in Kiew geboren. Mit sechzehn verließ er die Schule, war zunächst Arbeiter und wurde dann als Schlosser und Dreher ausgebildet. Später studierte er in Charkow und Moskau Philosophie und Germanistik und promovierte schließlich über Schillers Dramen und die Französische Revolution.

Während des Krieges war er als Propaganda-Offizier an der Front eingesetzt. Ein deutscher Kriegsgefangener, der damals eine „Antifa“-Schule besuchte, berichtet, wie die ganze Belegschaft strahlte, wenn Lew Kopelew alle vierzehn Tage zur Schulung erschien: Sie spürten die Menschlichkeit und die geistige Potenz dieses sowjetischen Offiziers und freuten sich darauf, auch einmal über literarische Probleme diskutieren zu können.

Nach dem Einmarsch in Ostpreußen wurde Major Kopelew in ein Verfahren verwickelt – die Anklage lautete: Propaganda des bürgerlichen Humanismus, Mitleid mit dem Feind, Verleumdung der eigenen Führung. Seine Vorstellung vom Ethos der Roten Armee war in Konflikt geraten mit dem Rachedurst der Sieger. Neun Jahre lebte er als Häftling.

Nach seiner Rehabilitierung wurde er dann Dozent und Lektor an verschiedenen Instituten und Forschungsanstalten der Moskauer Universität – sein Spezialinteresse: Theaterwissenschaft, insbesondere das deutschsprachige Theater. Er übersetzte und interpretierte Brecht, Böll und andere.