Als vor einigen Jahren bundesdeutsche Autofahrer, die trotz Augenfehlern keine Brille trugen, nach dem Grund ihrer Abneigung gegenüber der Sehhilfe gefragt wurden, stießen die Interviewer auf ein überraschendes Motiv: Automobilisten aus den unteren Sozialschichten erklärten, sie wollten nicht wie Intellektuelle aussehen.

Wie berechtigt die seltsame Befürchtung dieser Kraftfahrer war, sie könnten mit Brille schlauer erscheinen, als sie wirklich sind, zeigten jetzt Untersuchungen britischer Forscher. Michael Argyle und R. McHenry vom Institut für Experimentelle Psychologie in Oxford fanden das Vorurteil bestätigt, daß Leute mit Brille für klüger gehalten werden. Allerdings zeigte sich, daß dieser Veredlungseffekt an eine wichtige Voraussetzung gebunden ist: Die Brillenträger dürfen nicht sprechen. Sobald sie den Mund auftun, schwindet der Zauber der Brille.

Argyle und McHenry filmten Leute, die sie Versuchspersonen zur Beurteilung des Brilleneffekts vorstellen wollten, insgesamt viermal: zweimal mit Brille stumm und statisch oder aber über Urlaubspläne plaudernd – und zweimal unter den gleichen Bedingungen ohne Brille. Die Gutachter hatten dann Fragen zu beantworten, in denen – sorgfältig versteckt – ein Urteil über die Intelligenz der gezeigten Personen herausgefordert wurde.

Das Ergebnis: Den gezeigten Personen wurde, wenn sie eine Brille trugen, im Durchschnitt ein um zwölf Punkte höherer Intelligenzquotient zugebilligt, als wenn sie nacktäugig von der Leinwand blickten. Die Brille beeinflußte die Wertung allerdings nicht, wenn die Leute von der Leinwand auch sprachen.

Die Forscher glauben, daß ihre Ergebnisse künftig bei der Planung psychologischer Experimente beachtet werden sollten, bei denen Abbilder von Personen gezeigt werden: Tonfilme führen offensichtlich zu einem realistischeren Urteil als Photographien. usch