Mit fünf Prozent hat die Teuerung im Juni einen neuen Rekord erreicht

Was vor Monaten noch als „bewußte Schwarzmalerei“ kritisiert wurde, ist Wirklichkeit geworden: Die Teuerungsrate hat im Juli die Rekordmarke von fünf Prozent erreicht. Im März noch sprach Karl Schiller davon, daß der Index der Lebenshaltungskosten wohl um vier Prozent steigen werde – und zeigte sich gekränkt, wenn diese Erwartung als zu optimistisch angesehen wurde (ZEIT Nr. 11/1971: „Vier Prozent – und noch mehr?“). Heute steht fest, daß nie in den letzten zwanzig Jahren die Mark so schnell an Wert verloren hat wie im Jahr 1971.

Es ist erstaunlich, wie relativ gelassen die Öffentlichkeit auf die Beschleunigung der Geldentwertung reagiert hat. Als im Januar 1970 zum erstenmal seit langem die Dreiprozentmarke überschritten wurde, schrie der Chor der Stabilitätsapostel schmerzhaft getroffen auf. Nationalökonomen, Zeitungskommentatoren, Wirtschaftler und Politiker forderten „schnelles und energisches Handeln, um die Inflation zu stoppen“ – und Karl Schiller überwarf sich mit dem halben Kabinett und der ganzen Fraktion bei dem Versuch, Steuererhöhungen durchzusetzen.

Eineinhalb Jahr später bleibt es nun bei viel ungünstigeren Zahlen ruhig im Lande. Beginnen auch die Vorkämpfer der Stabilität sich an „das süße Gift der Inflation“ zu gewöhnen? Oder dämmert die Erkenntnis, daß über Stabilität sich zwar allemal trefflich reden läßt, aber niemand recht weiß, wie man sie erreichen könnte.

Wieder und wieder muß man es sagen: Mit gezinkten Karten arbeitet, wer gleichzeitig unbedingte Vollbeschäftigung, Preisstabilität und den Aufbau einer europäischen Währungs- und Wirtschaftsunion verspricht. Der Vertragsbruch vom Mai hat nur zu einer Krise innerhalb der EWG geführt, die – allem aus Bonn verbreiteten Zweckoptimismus zum Trotz – noch immer weiterschwelt. Und wenn wir erst zum festen Kurs zurückgekehrt sind, werden sich die alten Fragen erneut stellen. Es ist eben doch leichtfertig anzunehmen, wir würden im Alleingang Preisstabilität erreichen können, die allen unseren Nachbarn versagt bleibt.

Über jene Bereiche, in denen Bonn noch autonom handeln kann, lohnt es kaum zu sprechen. Im Juli 1970 wurde der Konjunkturzuschlag zur Steuer als Wundermittel gegendie Teuerung empfohlen. Damals war das ökonomische Datum, an dem man sich orientierte: Steigerung der Lebenshaltungskosten (Juni 1970) gegenüber dem Vorjahr 3,8 Prozent. Nun wird der Konjunkturzuschlag wieder abgeschafft – bei 5,0 Prozent Teuerung.

Als Oppositionssprecher hatte Schiller jede Preissteigerung von mehr als zwei, höchstens drei Prozent als „inflationär“ verurteilt. Im Wahlkampf 1969 hat er dann der Union vorgeworfen, ihre Wirtschaftspolitik führe „geradewegs in die Inflation“. Heute gibt es unter der von der SPD geführten Regierung – gewiß nicht durch ihre Schuld allein – den bisher stärksten Kaufkraftschwund der Mark.