Die Jungsozialisten sind auf dem besten Wege, ihr mühsam zurückgewonnenes Ansehen in der SPD auf Hamburgs Straßen wieder zu verlieren. Sie haben den Kampf gegen die Tariferhöhungen für den Nahverkehr in der Hansestadt so sehr zu einer Prinzipienfrage erhoben, daß der Hamburger SPD-Führung kaum noch eine andere Möglichkeit bleibt, als weiterhin Parteiordnungsverfahren gegen alle einzuleiten, die an Demonstrationen gegen die beschlossenen Fahrpreiserhöhungen teilnehmen.

Verloren war die Auseinandersetzung für die Jungsozialisten schon zu dem Zeitpunkt, als die Landesvollversammlung der Sozialdemokraten mit überwiegender Mehrheit die vom SPD-Senat beschlossene Tariferhöhung billigte. Auch der Bundesvorstand des SPD-Nachwuchses konnte daran nichts ändern. Er schickte sein Mitglied Wolfgang Roth zu den isolierten Hamburger Genossen. Roth ließ sich an die Spitze eines sechzehnköpfigen Landesvorstandes wählen, wurde aber, nachdem er bei einer von Kommunisten mitorganisierten Demonstration als Sprecher aufgetreten war, prompt in ein Ordnungsverfahren der Partei verwickelt.

Der Roth-Vorstand war das dritte Führungsgremium der Hamburger Jusos seit Mitte Juni. Damals war der amtierende, ordentlich gewählte Vorstand zurückgetreten, weil er sich den Parteibeschlüssen glaubte fügen zu müssen, die Mehrheit der Jusos aber auf Aktionen drängte und einige von ihnen sogar dafür plädierten, den Klassenkampf in die Partei zu tragen.

Die Jungsozialisten wollen in Hamburg, obwohl der Kampf um die Tarife längst verloren ist, vor allem noch zweierlei erreichen: eine breite Diskussion in Partei und Öffentlichkeit über den „Null-Tarif“ im Nahverkehr und eine exemplarische Freisprechung von Beschlüssen der SPD-Führungsgremien, die ihren eigenen Entschließungen entgegengesetzt sind. Diese Ziele sind vorläufig verbaut.

Die Bonner SPD, die erst vor kurzem drastische Beschneidungen der Rechte der Jungsozialisten abgelehnt hat, hält sich noch zurück. Zweifellos aber kann der Streit für die gesamte Partei noch heikel werden. Die SPD-Führung hatte sich im vergangenen Winter mühsam dazu durchgerungen, jede Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu verbieten. Jetzt aber hat die Hamburger SPD gerade diese Frage im Konflikt mit den Jusos in den Vordergrund gespielt. Damit werden notgedrungen die Hamburger Vorgänge auch für die Gesamtpartei zu einer Prinzipienfrage. Der erst im April wiederhergestellte Friede zwischen SPD und Jusos steht wieder in Frage, ein Ergebnis, das auch den Interessen der Jungsozialisten nur schaden kann. Karsten Plog