ZDF, Sonnabend, 10. Juli: „Kolibri“, von Gerda Corbett und Michael Mansfeld

Angekündigt wurde, unter dem Titel Kolibri, ein Kriminalspiel von Gerda Corbett und Michael Mansfeld, aber das war offenbar eine Falsifikation; denn in Wahrheit spielte man (Möglichkeit Nummer eins) Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“, bearbeitet von Nathalie von Eschstruth, oder (Möglichkeit Nummer zwei) Friedrich Dürrenmatts „Frank V.“, fürs Fernsehen eingerichtet von Hedwig Courths-Mahler.

Zur Darbietung kam eine Familiengeschichte aus dem Haus Hanssen (der bekannte Senator, wie jedermann weiß), eine im norddeutschen Backsteinmilieu angesiedelte Moritat über einen verrotteten Clan, dessen einzelne Mitglieder dem Betrachter am Bildschirm in einer wahrhaft ingeniösen Exposition vorgestellt wurden: Kriminalkommissar Morbitz und Assistent Schlieker auf dem Wege zum Tatort (einer hochherrschaftlichen Villa mit altertümlichen Telephonen und modernen Sportwagen, archaischen Geheimgängen und zeitgemäßen, zweckentfremdet auch als Mordwerkzeug zu nutzenden Korkenziehern), das Auto fährt, der Weg ist lang, und das muß er auch sein, denn die Verhältnisse in der Senatorenfamilie sind redlich verwickelt, und ehe das alles erzählt ist, mit erster und zweiter Ehe, Sohn und Schwiegertochter und Hausfreund, ehe der Zuschauer weiß, was für ein Cäsar das war, ein wahrer Kleinstadtmonarch, dieser Senator, der sich am Ende als Schwängerer der eigenen Schwiegertochter entpuppt, ehe man den Stammbaum der Hanssens wirklich beherrscht, hat der Kilometerzähler des Dienstwagens sich schon ein gerütteltes Stück weiterzudrehen.

Eine klassische Exposition! Und klassisch auch das Interieur des Mordhauses, in dem die reichen-Schurken die Gesetze ihres Standes vertraten (Kerzen, schwere Sessel und für Lil Dagover ein Stickbrett), klassisch das Personen-Arsenal, von der Großmama, die Robert Neumanns Mit fremden Federn zitierte (es freilich nicht merkte), bis hin zum Enkelsohn, dem schwarzen Schaf der Familie, einer haschrauchenden, Mao zitierenden, antikapitalistisch gesinnten Gegenfigur zu all den reichen Ganoven mit ihrer Doppelmoral.

Klassisch war das Inventar (ein Käuzchen, eine Klettergelegenheit an der Villa), klassisch, vor allem, die Diktion: „Mein Mann liebte es nicht“, sagte die Senatorin, „sich vom Personal ansprechen zu lassen“; „Tante Bettina“, sagte ihr Enkel, „ist ein feiner Kumpel“. (Man beachte den Wechsel der Diktion: Sprache des Herzens, nicht Sprache der Etikette!). Klassisch, schließlich, war die Charakterisierung: Durch den Hinweis auf seine Teilnahme am Bundestreffen gab sich der Staatsanwalt als Reaktionär, der er war, zu erkennen ... offen blieb nur, ob er auf ein landsmannschaftliches oder korpsstudentisches Meeting abzielte, aber gerade diese schwebende Doppeldeutigkeit gab ja der Sprache des Stücks den besonderen, den eigentlich poetischen Reiz: „Du hast Vaters Schäferhund getötet, weil du eifersüchtig warst.“ (Auf den Vater? Auf den Hund? Ein Banause, wer so fragt! Ein Barbar, wer nicht Symbolik wittert, wenn die Senatorin nur die Katze auf ihr Stickbrett stickt, aber das Boot vergißt, das Boot über den Wassern, in dem das Tierchen treibt!).

Ein Jammer nur, daß die Akteure sich dem Text partienweise nicht gewachsen erwiesen, einerseits allerlei Unarten zeigten (und dabei hieß es doch: Du darfst dich nicht aufregen, Doktor Nebel hat’s dir verboten) und sich andererseits häufig versprachen. Nun, der Regisseur sah darüber hinweg und verzichtete darauf, die Takes noch einmal zu drehen. Offenbar sagte er sich: Hier kommt’s eh nicht mehr drauf, an – und damit hatte er recht. Momos