„Teleny“, Roman von Oscar Wilde. Keine Wilde-Ausgabe enthält diesen Roman einer traurig endenden Homosexuellen-Liebe, den Nachwortschreiber Horst Albert Glaser einmal 1893, dann 1895 in London erscheinen läßt. Wie immer bei Werken dieses Genres wird der Verfasser endgültig kaum zu ermitteln sein. Wilde als Urheber ist zumindest nicht undenkbar, obwohl sich manche Seiten heute eher wie eine Wilde-Parodie lesen (aber gilt das nicht ebenso für den echten Wilde?). Den Stil dieses Fin-desiècle-Erotikons mit seiner Kunstblumen-Exotik mag ein Zitat charakterisieren: „Auf verblichenen alten Damastcouchen, auf riesigen Kissen, die aus den Stolen von Priestern gemacht waren, gewirkt von devoten Fingern in Silber und Gold, auf weichen persischen und syrischen Diwans, auf Löwen- und Pantherfellen, auf Matratzen, die von funkenknisternden Katzenfellen überzogen waren, lagerten Männer, jung und gut aussehend, fast alle nackt, zu zweit oder dritt, in Stellungen so vollendeter Schamlosigkeit, wie die Phantasie sie sich nicht auszumalen vermag und wie man sie sonst nur in den Männerbordellen des wollüstigen Spanien oder in denen des lüsternen Orients sieht.“ Beigebunden ist dem Roman die 1894 anonym publizierte Erzählung „Der Priester und der Mesnerknabe“. Als Beispiele der bei uns kaum bekannten viktorianischen Underground-Erotik sind beide Werke lesenswert, aber doch mehr Dokument denn Literatur von Rang. (Aus dem Englischen von Wulf Teichmann; Verlag Rogner & Bernhard, München; 318 S., 22,– DM) Eckart Kleßmann

„Die Gespräche der Aloisa Sigaea“ von Johannes Meursius. Diese Ausgrabung in der Raritätenpresse des Gala Verlages ist ein Verwirrspiel für Philologen und Bibliophile. Der wirkliche Autor der um 1659 zum erstenmal gedruckten Dialoge heißt Nicolaus Chorier; er lebte 1609 bis 1692 als Advokat und Historiker in Grenoble und verbarg sich hinter den Namen zweier damals bekannter Gelehrter der alten Sprachen: der spanischen Philologin und „Porno-Oma“ (Der Spiegel) Aloisia Sigaea (1530–1560) und dem Professor Johannes Meursius (1613–1653) aus Leiden. Die Übersetzung wurde für diese Ausgabe neu angefertigt und mit siebenunddreißig Stichen aus einer französischen Ausgabe des achtzehnten Jahrhunderts illustriert – würdige Damen und Herren mit wallenden Perücken bei der Geschlechtsakrobatik. In den Gesprächen geht es um das gleiche: Einführung in die Ehe, in „Anatomie“, „Zweikampf“, „Wollüste“, „Liebeskünste und Stellungen“. Mit einigem Einfallsreichtum löst der Text die schwierige Aufgabe, den immer gleichen Vorgang nur in Dialogen berichten und stattfinden zu lassen, und die Übersetzung trifft jenen Tonfall zwischen altertümlicher Umständlichkeit, Bildkraft und Lüsternheit, der die Phantasie mehr anheizt als platter, direkter Naturalismus. Auch hier das zeitlose Grundgesetz aller Pornographie: ständig liebessüchtige Frauen und omnipotente Männer. Nur der moralische Überbau hat sich geändert. Bei Chorier gilt Jungfräulichkeit als höchster Besitz der Frau, die sich im übrigen als williges Werkzeug des Mannes zu fügen hat: Des Weibes Lust sei die des Mannes. Das Buch dürfte somit allen Interessenten, den Bibliophilen, den Philologen und den Porno-Konsumenten, das richtige und Gewünschte bieten. (Aus dem Lateinischen von Wilhelm Dimetrius; Gala Verlag, Hamburg; 384 S., Abb., 150,– DM, in Ganzleder und auf Bütten 250,– DM) Wolf Donner