Aus dem Pentagon-Papier: McNamaras verhängnisvolle Rolle im Vietnamkrieg

Von Karl-Heinz Janßen

Wenn ein atomarer Weltkrieg ausbricht, bin ich ein Versager! Nach diesem Wahlspruch hat Robert McNamara, ob seiner intellektuellen Brillanz hochgelobter Verteidigungsminister unter Kennedy und Johnson, sein Amt geführt, das zu den verantwortungsvollsten Posten dieser Welt gehört. Versagt hat er dennoch – im konventionellen Krieg. Die von der New York Times veröffentlichte geheime Pentagon-Studie, auch McNamara Papers genannt, hat den Nimbus zerstört, der den ehemaligen Ford-Präsidenten und heutigen Weltbank-Präsidenten so lange umgab.

Dieser "Mann mit dem Elektronenhirn" hat sehr viel dazu beigetragen, Amerika in das vietnamesische Verderben hineinzureiten. Wenn der Krieg in Indochina zwei Millionen Menschen Leben oder Gesundheit und dem amerikanischen Steuerzahler 200 Milliarden Dollar gekostet hat, so nicht zuletzt dank seiner Fehleinschätzungen und Fehlplanungen. Er hat, spät genug, versucht, dem Rad, das er selber in Schwung gebracht hatte, in die Speichen zu greifen. Zum Schluß wollte er wissen, wie alles gekommen, wie alles gewesen sei – und er fand doch nur bestätigt, daß dieser Krieg zu Recht "McNamaras Krieg" genannt wird.

Der große Krieg hatte im Kalkül dieses Technokraten keinen Platz – seine Aufgabe war es, ihn zu verhüten, sein Ehrgeiz jedoch, ihn zu unterlaufen. Zusammen mit General Maxwell Taylor, dem Militärberater Kennedys, hat er die Anti-Guerilla-Taktik erfunden, das vermeintliche Erfolgsrezept zur Abwehr des revolutionären Volksbefreiungskrieges, der die Partisanen in Südvietnam von Erfolg zu Erfolg trug. Gemeinsam mit Außenminister Dean Rusk drängte er im November 1961 Präsident Kennedy auf den Weg der Eskalation: "Ginge Südvietnam an den Kommunismus verloren, so würde nicht nur die Seato zerstört, es würde auch die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Verpflichtungen überall in der Welt Schaden erleiden. Ferner würde der Verlust von Südvietnam in den Vereinigten Staaten erbitterte innenpolitische Konflikte herbeiführen; radikale Gruppen würden dies zum Anlaß nehmen, das Volk zu spalten und der Regierung Schwierigkeiten bereiten." Und die Schlußfolgerung: "Wir sollten darauf vorbereitet sein, amerikanische Kampftruppen ins Spiel zu bringen, falls dies um des Erfolges willen notwendig werden sollte. Unter Umständen müssen sogar die Streitkräfte der Vereinigten Staaten den Herd der Aggression in Nordvietnam angreifen."

Was nach außen als ein Kampf für die Freiheit des südvietnamesischen Volkes hochgejubelt wurde, war in der nüchternen Amtssprache eine Frage bloßer Machtinteressen. McNamara dachte in denselben Bahnen wie sein Freund und Mitarbeiter John McNaughton: "Wir sind nicht in Vietnam, um ‚Freunden‘ zu helfen, sondern um China zu bremsen." Südvietnam, pazifischer Vorposten der USA, mußte gehalten werden, und wenn die Mehrheit seiner Bewohner oder auch nur die Dollar-finanzierte Regierung in Saigon sich die Freiheit nehmen sollte, Neutralität oder Kommunismus zu wählen, so mußte man sie eben mit Gewalt daran hindern.

Von den Generälen getäuscht