Von Richard Löwenthal

Ist die Freie Universität am Ende?“ fragt Rudolf Walter Leonhardt in der Spitze des Feuilletons der ZEIT vom 9. Juli. Er scheint dies nicht – wie viele von uns – zu befürchten, sondern eher zu erhoffen; denn er hält es für angemessen, der gefährdeten Berliner FU den aus der Fabel geläufigen Tritt zu geben. Sie habe, so urteilt er, „als Institution der Forschung und Lehre keinen Weltruf zu verlieren“. Denn nach seiner Kenntnis war „von Anfang an keine westliche Hochschule des 20. Jahrhunderts so abhängig wie diese Westberliner Universität: vom ‚Frontstadtgeist‘ zunächst und von amerikanischen Subventionen, von Gruppen, die – unversehens oder zielstrebig – an die Macht kamen“.

Ich möchte mich mit Leonhardts Kompetenz in der Beurteilung wissenschaftlichen Weltrufs nicht messen – das wäre unziemlich, auch deshalb, weil ich pro domo, für mein eigenes Haus, sprechen müßte. Ich will nur gestehen, daß die . engen Kontakte, die viele von uns seit langem mit Kollegen in Oxford oder London, in Paris oder Jerusalem verbanden, von den unserem Kommentator verdächtigen, aber in Fragen der internationalen Wissenschaft nun einmal nicht unwichtigen Amerikanern ganz abgesehen, bei mir einen anderen Eindruck hatten aufkommen lassen. Aber mein Urteil mag durch Befangenheit getrübt sein, und ich will die Entscheidung dieser Frage lieber denen überlassen, die niemals eine Professur an der FU innegehabt oder angestrebt haben.

Ungleich gravierender ist Leonhardts Behauptung, die FU sei von Anfang an die abhängigste Hochschule der westlichen Welt in diesem Jahrhundert gewesen – gravierend, weil ich davon ausgehe, daß verantwortliche Journalisten ihre Worte nicht weniger zu wägen gewohnt sind als ernsthafte Wissenschaftler. Abhängiger also, als die Hochschulen unter der spanischen Diktatur, als die dogmatisch gebundenen Ordensuniversitäten Nord- und Südamerikas, als die Berliner Universität des Kaiserreichs zur Zeit des Ersten Weltkriegs, als die deutschen Universitäten im Dritten Reich waren? Das kann Leonhardt doch wohl nicht gemeint haben. Aber auch, wenn wir annehmen, daß er nur an konfessionell nicht gebundene Hochschulen in demokratischen Ländern gedacht hat, bleibt sein Vorwurf im Kern ungeheuerlich.

Dieser Kern ist die behauptete Abhängigkeit nicht vom „Frontstadtgeist“ (Wissenschaftler, die ideologischen Zeitströmungen erliegen, gibt es überall, und überall gibt es auch solche, die sich davon freihalten), auch nicht von ungenannten „Machtgruppen“ im allgemeinen, sondern von „amerikanischen Subventionen“. Der Aufbau der Freien Universität ist in der Tat in ungewöhnlich großzügiger Weise von der Ford-Foundation gefördert worden. Will Leonhardt wirklich sagen, daß eine solche Förderung, die ja buchstäblich Tausenden von wissenschaftlichen Institutionen in allen Erdteilen zuteil geworden ist, eine Abhängigkeit in Lehre und Forschung begründet? Stellt er sich vor, daß die Ford-Foundation ihre Hilfe an Bedingungen knüpft, die den Empfänger in der Auswähl seiner Forschungsthemen, im Inhalt der Lehre oder in der Personalpolitik beschränken? Wenn Ostberlin seit Gründung der Freien Universität von ihrer Abhängigkeit von amerikanischen Subventionen spricht, so will es in der Tat genau diesen Eindruck erwecken. Aber ein Redakteur der ZEIT?

Zum allermindesten müssen die von Leonhardt gewählten Worte doch wohl bedeuten, die Fakultäten und Professoren der Freien Universität in den politisch und gesellschaftlich relevanten Fächern hätten „von Anfang an“, also beginnend mit dem Gründungsrektor Friedrich Meinecke, in den genannten Fragen auf die amerikanischen Geldgeber Rücksicht genommen. Das ist, ich wiederhole es, ein ungeheuerlicher Vorwurf. Weiß Leonhardt wirklich nicht, daß gerade an dieser Universität neben Auffassungen, die in den „Frontstadt-Geist“ paßten, immer auch die Kritiker des westlichen Systems und der amerikanischen Politik zu Worte gekommen sind – mehr als an den meisten Hochschulen der Bundesrepublik, außer Frankfurt und Marburg? Hier hat – in der Soziologie und am vielgeschmähten Osteuropa-Institut – Hans-Joachim Lieber eine Generation junger Wissenschaftler zum Verständnis der Marx’schen Methode und zur Kritik nicht nur der „östlichen“, sondern auch der „westlichen“ Ideologien erzogen: Nicht wenige Führer der späteren revolutionären Studentenbewegung sind aus dieser Schule hervorgegangen. Hier ist an dem mit amerikanischem Geld – in diesem Fall sogar Regierungsgeld! – gebauten Otto-Suhr-Institut Ossip Flechtheim jahraus, jahrein hartnäckig gegen den Strom des „Kalten Krieges“ geschwommen. Hier habe ich auf der anderen Seite viele Grundpositionen der westlichen Politik aus Überzeugung vertreten – aber keine „Abhängigkeit“ hat mich gehindert, das militärische Eingreifen der Amerikaner in Vietnam schon 1965 als verhängnisvoll zu kritisieren, als die gewiß unabhängige ZEIT solche Kritik noch für übertrieben hielt.

Leonhardts Formulierung ist mit diesen simplen Tatsachen nicht zu vereinbaren. Sie unterstellt, ob er das bedacht hat oder nicht, einen Mangel an wissenschaftlicher Integrität bei allen, die an der Freien Universität Berlin seit ihrer Gründung auf politisch und gesellschaftlich relevanten Gebieten gelehrt haben. In einer Zeitung, die von wissenschaftlich Interessierten in der ganzen Welt gelesen wird, bedeutet sie daher eine schwere Schädigung des Ansehens aller Betroffenen. Leonhardt sollte seinen Fehltritt mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehmen.