Von Cornelia Jacobsen

Der Polizeipräsident von München kann aufatmen. Beim dritten Anlauf wurde am Montag nachmittag der vierzigjährige Professor Nikolaus Lobkowicz, einziger Kandidat auf der Liste, mit 259 von vierhundert Stimmen zum neuen Rektor der Universität München gewählt. Die befürchtete Demonstration blieb aus. Zwölfhundert Polizisten bewachten die Residenz wie eine Festung. Die Wahlmänner mußten mehrere Sperren passieren, um hineinzugelangen. Zwei wahlberechtigte Studenten wurden am Betreten des Gebäudes gehindert, unter Umständen kann also die Wahl angefochten werden.

Der erste Wahlversuch hatte am 30. Juni in der großen Aula stattgefunden und war von den Studenten mit der linken Hand gesprengt worden. Wahlversuch Nummer zwei wurde in die Residenz verlegt, tausend Mann Polizeischutz – zum Teil eher unwillig als tatendurstig – wurden herbeigeschafft, aber es gab da eine Tür, die nur unzureichend bewacht war, und so konnte auch die zweite Sprengung erstaunlich glatt vonstatten gehen. Damit war der Marxismus-Spezialist Lobkowicz in München zum „Mann des Tages“ geworden.

Zunächst hatte sich der studentische Protest dagegen gerichtet, daß nur ein Kandidat auf der Liste stand; im Laufe der Ereignisse aber gab es auch zunehmende Kritik an der Person. Die Adjektive, mit denen Nikolaus Lobkowicz gekennzeichnet wird, sind höchst verschieden: reaktionär, umgänglich, arrogant, hart, schwach, unsicher, stur und immer wieder: undurchsichtig. Niemand weiß, was er vorhat, um so besser weiß man, was er nicht vorhat. Eine Verschiebung der Paritäten beispielsweise kommt für ihn nicht in Frage. Von einer Drittelparität konnte in München nie die Rede sein, aber selbst einen Schlüssel 5 zu 3 zu 2 zu 1 (Hochschullehrer, Assistenten, Studenten und nichtwissenschaftliches Personal) hält Lobkowicz für baren Unsinn. Er könne nicht einsehen, sagt er, warum ein anders zusammengesetztes Gremium plötzlich rationaler zu entscheiden vermöge als ein Gremium herkömmlicher Art. Geringschätzig fügt er hinzu, die Schwierigkeiten der Universität seien nicht durch „Pfotenerheben“ zu lösen, was heißen soll: nicht durch Abstimmung. Dafür spricht er von Reformen, die „unpolitisch“ sein sollen ...

Bisher ist nur eines klar: Nikolaus Lobkowicz ist gewiß kein Mann, der leicht die Nerven verliert. Die Gelassenheit verließ ihn nur einmal während der Kandidaten-Vorstellung, zwei Tage vor dem ersten Wahlversuch, als er viele der durchaus noch freundlich gestimmten Assistenten und Studenten durch sein Auftreten brüskierte. Er selber sagt jetzt freimütig: „Ich war nervös, darum habe ich wohl so arrogant gewirkt.“

Warum Lobkowicz, ein Aristokrat aus dem österreichischen Hochadel, verheiratet mit einer reichen bayerischen Adeligen, überhaupt für das Amt des Rektors kandidiert hat, ist vielen ein Rätsel. Immerhin ist es ein Amt, das andere Professoren lieber gar nicht erst anstreben, weil sie fürchten müssen, nichts durchsetzen zu können und von den Gruppeninteressen paralysiert zu werden. Lobkowicz erklärt dagegen, er hätte sich den zahlreichen Bitten und der Verantwortung nicht entziehen wollen, obwohl ihn seine wissenschaftliche Arbeit mehr interessiere als ein Amt. Manche Assistenten freilich sehen es anders: Lobkowicz ließe sich nur zu gern in Ämter drängen, sagen sie, er habe einen gut entwickelten Sinn für Macht.

Lobkowicz war im letzten Studienjahr Dekan der Philosophischen Fakultät I und Rektor der „Hochschule für politische Wissenschaften“. Als Dekan hat er entscheidenden Einfluß darauf gehabt, daß keiner der hochschulpolitisch relevanten Reformversuche seines liberalen Vorgängers Walter durchgesetzt werden konnte. Von sich selbst sagt er, daß er ohne politische Ambitionen sei, nie einer Partei angehört habe, und eigentlich kein Politologe, sondern ein in die Politologie geratener Philosoph sei. Tatsächlich gibt er sich verwundert über das Etikett, das man ihm aufgeklebt hat: „Ich bin nicht der Reaktionär, für den mich viele halten.“

Lobkowicz ist ein liebenswürdiger Mann, souverän und lässig, und selbst ein Student der Roten Zellen gibt zähneknirschend zu, daß er im Umgang „sehr passabel“ sei – was die Frage nach seinem „Standort“ nur erschwert. Die einen befürchten, daß der umgängliche Professor als Rektor einen harten, konservativen Kurs steuern wird, andere glauben, daß er nicht steuern, sondern nur bremsen wird. Eine Konzeption oder ein Programm jedenfalls hat Lobkowicz bisher nicht vorgelegt. Er sagt, dies sei volle Absicht, denn was würde heutzutage von so einem Programm am Ende übrigbleiben? Wie sein Amtsvorgänger Mißerfolg auf Mißerfolg einzustecken, sei seine Sache nicht. Lobkowicz will „einen Solidarisierungsprozeß in der Universität für die Universität“, er will nicht nach außen repräsentieren, sondern nach innen wirken, er will für eine Verbesserung der Kommunikation sorgen, et cetera, et cetera. Das haben schon viele gesagt: Lobkowicz wird zeigen müssen, ob diese Klischees noch einen Inhalt haben. Dabei liegt die Vermutung nahe, daß er der richtige Mann für die derzeitige bayerische Hochschulpolitik ist: Ein Mann ohne hochschulpolitische Konzeption, eine Art Stillhalte-Rektor, der von sich aus kaum aufsehenerregende Veränderungen an der Universität herbeiführen wird und damit dem Kultusminister die Möglichkeit gibt, das bayerische Hochschulgesetz ungestört vorbereiten zu können.