Von Joachim Nawrocki

Vor einem Vierteljahr, zum 25. Jubiläum des SED-Zentralorgans Neues Deutschland schrieb Chefredakteur Rudolf Singer: Der Parteijournalist brauche immer wieder Besseres und Anderes zur Erfüllung seiner Aufgabe, "weil die Welt des Sozialismus immer in Bewegung ist, die Sozialisten immer in Bewegung sind". Jetzt kamen Sozialisten in Bewegung, beim Neuen Deutschland wurde wieder Besseres gebraucht. Nach fünfjähriger Tätigkeit wurde Singer auf den Vorsitz des "Staatlichen Komitees für Rundfunk beim Ministerrat der DDR" abgeschoben, auf einen Posten, der nicht gerade verheißungsvoll für seine weitere Karriere ist.

Der neue Parteichef Erich Honecker suchte sich für die Chefredaktion der wichtigsten DDR-Zeitung einen Mann seines Vertrauens: den 42jährigen Berliner Joachim Herrmann, einen erfahrenen Journalisten, der bereits bewiesen hat, daß ein "Zentralorgan" nicht unbedingt so langstielig wie eine Parteitagsrede und so trocken wie eine Durchführungsverordnung sein muß. Mit 17 Jahren schon, ein Jahr nach dem Kriege, kam Herrmann zur Partei und zum Journalismus. Er wurde Volontär bei der Berliner Zeitung und ging dann als Redakteur zur Jugendzeitung Start. Im Jahre 1952 machte ihn der damalige Vorsitzende der Freien Deutschen Jugend, Erich Honecker, zum Chefredakteur des FDJ-Zentralorgans Junge Welt. Zehn Jahre später übernahm Herrmann die Chefredaktion der formal unabhängigen, aber SED-gesteuerten Berliner Zeitung, eines Blattes, das lesbarer als die Parteizeitungen und nicht so dümmlich naiv und provinziell ist wie die Bezirkspresse der DDR.

Seit 1966 war Herrmann als Staatssekretär Leiter einer Institution, die angesichts der sich wandelnden Deutschlandpolitik der SED seit ihrer Gründung Ende 1965 mit einem anachronistischen Namen belastet war: "das "Staatssekretariat für gesamtdeutsche Fragen". Schon 1967 firmierte die Behörde in "Staatssekretariat für westdeutsche Fragen" um und war seitdem im wesentlichen mit der Produktion von Informationsschriften über die DDR befaßt. Als Neues Deutschland vor einer Woche von den Beratungen des Ministerrates über die Erntevorbereitungen berichtete, da stand am Ende der Meldung in einem Satz die Nachricht, daß die Behörde, die Herrmann geleitet hatte, nun aufgelöst wird. Der neue Chefredakteur wollte auch in der eigenen Zeitung möglichst wenig an seine sicherlich frustrierende Tätigkeit der letzten fünf Jahre erinnert werden. Das ist der Stil der Parteipostille: Nachrichten werden nicht nach ihrem Informationswert und ihrer politischen Bedeutung, sondern nach ihrer Nützlichkeit als Mittel des Klassenkampfes bewertet.

Genau dies macht die Lektüre dieser Zeitung denn auch so lästig: Wer nicht bereit ist, Hunderte von Druckzeilen voller Belanglosigkeiten zu lesen, dem entgeht manches von dem, was zwischen diesen Zeilen an Interessantem aufzuspüren ist. Da die SED es liebt, ihre Politik mit dem Mythos der Kontinuierlichkeit zu bemänteln, finden sich auch Änderungen der Parteilinie meist nur zwischen langatmigen Bekräftigungen längst bekannter Argumente und Standardphrasen.

Ob es Joachim Herrmann gelingt, die Zeitung seiner Partei ansprechender zu gestalten, ist noch ungewiß. Zwar hat Erich Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED gefordert, die Journalisten sollten nach neuen und wirksameren Formen und Methoden suchen: "Sache der Journalisten ist es, Fragen der Bürger überzeugend und in einer den Massen verständlichen, guten und einfachen Sprache zu beantworten." Aber das Parteiorgan ist keine Zeitung im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Veröffentlichungsblatt, ein Schulungsheft – getreu nach Lenin "nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator".

Es gibt bestimmte Riten in dieser Zeitung, die offenbar ebenso unantastbar sind wie heilige Kühe. Dazu gehört die Veröffentlichung langer Kommuniques, in denen sich Dutzende von Namen mit den dazugehörigen Titeln wiederholen. Dazu gehören Leitartikel, die nur aus einer kaum veränderten Passage einer wichtigen Rede eines wichtigen Parteiführers bestehen. Und dazu gehört die immer gleiche Nachrichtenauslese, die aus den östlichen Ländern – von wenigen Ausnahmen wie Ernteausfällen oder Unglücksfällen abgesehen – nur das Positive und aus dem Westen nur das Negative zu berichten weiß.