Die Aufgabe gegen Pelé war unter diesem Aspekt wohl nicht zu bewältigen. Das Erlebnis Pelé reizte mich natürlich dennoch, denn der Mensch zweifelt, solange er lebt, ob es das Unbezwingbare wirklich gibt. Trotz meiner hartnäckigen Bewachung spielte Pelé großartig, schoß zwei Tore und demonstrierte alles, was ich oben schon erwähnte.

Sein erstes Tor bot dafür ein Musterbeispiel. Er war umringt von drei Abwehrspielern auf einem Raum von etwa einem Quadratmeter, alle bereit, seine Aktion zu verhindern. Überall standen schreiende, gestikulierende Mitspieler, 70 000 Zuschauer brüllten vor Begeisterung, Entsetzen oder Lust, und nur eine winzige Lücke bot sich ihm, die den Torerfolg garantierte. Um ihn zu realisieren, bedurfte es jedoch gleichzeitig neben der Fähigkeit, die Lücke überhaupt zu erkennen, der Fertigkeit, den Ball wie ein Artist zu behandeln. Pelé koordinierte beides. Der Erfolg war weder ein Zufallsprodukt, noch entsprang er dem Glück des Tüchtigen, sondern ganz allein der perfekten Beherrschung aller Mittel und ihrer optimalen Anwendung und Ausnutzung.

Er war mir in allen Belangen überlegen und doch, trotz dieser Gewißheit, achtete er in mir den Gegner. Konzentriert, unter Einsatz aller seiner Mittel, schaltete er mich immer wieder aus, ohne sich in Tändeleien zu verlieren oder sein Spiel zum Selbstzweck zu erheben. Dauernd provozierte er mich, ihn zu attackieren. Scheinbar ungedeckt bot er mir den Ball an, jedoch jederzeit wissend, daß mein Angriff zu spät kommen mußte und er dann Bewegungsfreiheit für eine geplante Aktion hatte.

Oft trabte er nur über den Platz, scheinbar teilnahmslos, um dann im plötzlichen Antritt nicht nur mich stehenzulassen, sondern auch dem Mitspieler eine Möglichkeit zu geben, ihn einzusetzen. Beide Beine sind im Umgang mit dem Ball in gleicher Weise traumwandlerisch sicher, so daß man nie ausrechnen kann, woher der Angriff kommt, wohin er zielt. Dieser dauernde Wechsel seiner Taktik ermüdet nicht nur physisch. Die dauernd geistige Konzentration, die psychologische Wirkung seines Spiels höhlt den Gegner aus. Die meisten Chancen, die er einem bietet, entpuppen sich als Fata Morgana: Der Ball löst sich in nichts auf, man beginnt den Kampf von vorn. Jürgen Werner