König Hassan II. von Marokko, kaum dem Tode entronnen, fand sofort ein Urteil: Es sei ein typisch libyscher Putsch gewesen, unreif, voller kindischer Fehler. Der 42jährige Monarch konnte aber von Glück sagen, daß er überlebte. Zweieinhalb Stunden befand er sich in den Händen aufrührerischer Kadetten und Offiziere.

Über den Hergang berichteten ausländische Teilnehmer an der Geburtstagsfeier des Königs. Danach stürmten. am Samstagmittag gegen 14 Uhr mehrere hundert Soldaten den Sommerpalast Skhirat, zwanzig Kilometer von Rabat entfernt, und eröffneten sofort das Feuer. Bei den mehrstündigen Schießereien kamen allein im Palast 93 Menschen ums Leben, darunter auch der belgische Botschafter in Marokko, Dupret, mehrere Generale und engste Berater Hassans.

Der Putsch scheiterte offenbar, weil die Mehrheit der Armee dem König treu blieb und außerdem der Anführer der Verschwörer, General Medbouh, Chef des Militärstabes, von seinen Leuten versehentlich erschossen wurde. Hassan kam nach fünf Stunden frei, als die etwa 1400 Kadetten aus der Militärakademie Ahermoumou erkannten, daß man sie mißbraucht hatte: Ihre Anführer wollten putschen und nicht, wie vorgegeben, den König aus der Hand von Verschwörern befreien. Sie erschossen daraufhin noch im Palast Oberst Ababou, den Akademieleiter und zweiten führenden Kopf der Verschwörer. Etwa 600 Kadetten ergaben sich den königstreuen Truppen-

Während der Palastkämpfe verbreiteten die Rebellen über Radio Rabat die Meldung vom Tode Hassans. Da alle Fernschreib- und Telephonleitungen in Betrieb blieben, konnte der Palast sofort und offenbar glaubwürdiger dementieren. Bei den Kämpfen um den Rundfunk starben weitere 200 Polizisten und Soldaten.

Schon am Sonntag hatte die Regierung die Lage fest in der Hand. Hassan übertrug alle Gewalt seinem Innenminister Oufkir, der mit eiserner Hand durchgriff. Zehn Rädelsführer – vier Generale, fünf Oberste und ein Major – wurden am Dienstagmittag hingerichtet. Ihre pausenlosen „Vernehmungen“ gaben Oufkir genug Material an die Hand, um im ganzen Land eine Verhaftungswelle anlaufen zu lassen.

Die arabischen Staaten beeilten sich, Hassan Glückwünsche zu übermitteln. König Hussein von Jordanien flog sofort nach Rabat. Nur Libyen zeigte sich über den raschen Zusammenbruch des Putsches enttäuscht und rechtfertigte damit Hassans Urteil: „Freie Offiziere“, drohte Radio Tripolis, würden den Putsch wiederholen. Die marokkanische Revolution sei noch nicht vorbei.

Wegen der Nachrichtensperre gibt es zahlreiche Vermutungen über die Hintergründe des Putsches, der offensichtlich dilettantisch vorbereitet war und mehr draufgängerisch als überlegt in Szene gesetzt wurde. Das kühnste Gerücht: Oufkir habe den Zwischenfall inszeniert, um alle Macht in die Hände zu bekommen, nachdem sich sein Verhältnis zu Hassan abgekühlt hatte.