Von Andreas Kohlschütter

Auf dem Balkan tut sich etwas. Das diplomatische Karussell dreht sich mit auffallender Beschleunigung. Neue Spannungen zwischen nationalkommunistischen und sowjetkommunistischen Interessen drohen, sich zu entladen. Im südosteuropäischen Raum, wo sich Warschauer Pakt und Nato an einer weichen Nahtstelle berühren und sich die Schleusen befinden, die vom Osten her zum Mittelmeer führen, ist ein Krisenherd im Entstehen. Die Funken, die schon heute springen, könnten sich als feuerkräftig erweisen.

Die neue Balkanlage ist durch die folgenden jüngsten Entwicklungen gekennzeichnet:

1. Jugoslawien, Rumänien und Albanien, die kommunistischen Außenseiter in Osteuropa, rücken immer enger zusammen und bekunden immer lautstärker ihren Mut und ihren Willen zum „eigenen Weg“. Diese an Konturen gewinnende Interessenkoalition zwischen den drei Staaten hatte durch den gemeinsamen Schock über die ČSSR-Invasion und die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Breschnjew-Doktrin entscheidende Impulse erhalten. Inzwischen hat sie sich verdichtet – nach der politischen Aussöhnung zwischen Belgrad und Peking, die gleichzeitig bei den Jugoslawen und Albanern vom jahrzehntelangen Nachbarnkrach noch übriggebliebene Annäherungshemmungen beseitigt hat.

2. Mit Hilfe eines geschickt und dicht gewobenen Netzes diplomatischer Verbindungen ist Peking dabei, auf dem Balkan, und das heißt: im unmittelbaren Macht- und Interessenbereich Moskaus, wieder Fuß zu fassen. Die nationalkommunistischen Kräfte werden ermutigt und rückversichert. Beim Empfang für den rumänischen Staats- und Parteichef Ceausescu und den jugoslawischen Außenminister Tepavac haben sich die Pekinger Führer mit dem Kampf der mittleren und kleinen Staaten gegen die beiden Weltmächte und gegen den Imperialismus solidarisch erklärt. Auch die Avancen gegenüber Ankara und Athen verstärken den Eindruck einer konsequenten chinesischen Balkanpolitik, die in diesem Raum ein die Sowjets belästigendes Störpotential aufbauen will.

3. Der sowjetische Unmut über die balkanische Sonderbündelei unter chinesischem Patronat hat deutlich zugenommen. In Ulan Bator, wo sich auch Ceausescu vor kurzem aufhielt, hat jetzt Kossygin die Klinge mit dem eigenwilligen rumänischen Nationalkommunisten gekreuzt: Die angeblichen Interessengegensätze zwischen der sowjetischen Großmacht und den kommunistischen Kleinstaaten – so Kossygin – seien ein Machwerk der Feinde der internationalistischen Einheit. Das tschechoslowakische Beispiel an die Wand malend und zweifellos an die Adresse Bukarests gerichtet, warnte die Moskauer Iswestija vor einigen Tagen: Zwischen der mangelnden Koordinationsbereitschaft kommunistischer Staaten im außenpolitischen Bereich und einer innenpolitischen Schwächung und Gefährdung des Sozialismus bestehe ein enger Zusammenhang.

Jugoslawen und Rumänen haben im Lauf der Jahre eine ungemein feine Nase für Rauchsignale herannahender politischer Gefahren entwickelt. Die ungewöhnlich heftige jüngste Reaktion Belgrads auf bulgarische Grenzverletzungen (zwei Militärflugzeuge waren am 4. Juli tief in den jugoslawischen Luftraum eingedrungen), und die vehementen Bukarester Proteste gegen kritische Stimmen aus Ungarn lassen darauf schließen, daß etwas Bedrohliches in der Balkanluft liegt.