Von Arnulf Baring

Wer Wesel Glauben schenkt, kann guter Dinge sein – liberale Zeitungsleser, argwöhnische Politiker oder radikale Linke gleichermaßen. Für die entgegengesetzten, miteinander verfeindeten Richtungen hält der Vizepräsident der Freien Universität Ermutigung bereit; beiden Lagern kann er im gleichen Atemzuge versichern: ich bin euer Mann.

Für ihn sieht sich, spricht er zu den einen, die Lage harmlos an. Das Gesetz ist gelungen, an der FU wird so gut wie nie zuvor gearbeitet. Auswärtige Kulturpolitiker, Journalisten, Wissenschaftler, die hier Besuche machen, kehren – wenn sie unsereinen überhaupt zu sehen bekommen, was das Präsidialamt ängstlich zu vermeiden sucht – immer sichtlich erleichtert, ja beschwingt von ihren Gesprächen mit Wesel zurück. Meist stecken strahlende Erfolgsmeldungen in ihren Taschen.

Auch in Wesels Abhandlung findet sich ein solcher Freudenschrei: diesmal aus der Physik. Leider sehen die Tatsachen ärmlicher aus. Der effektive, also eher bescheidene Zuwachs waren zwei Hochschullehrer, während alle anderen neuen Gelehrten aus der schon vorher vorhandenen, lediglich zu Professoren aufgestockten Substanz stammen. Und was den neuen Forschungsschwerpunkt, einen „der wichtigsten ... in Deutschland“, angeht, so ist der beantragte Sonderforschungsbereich abgelehnt worden. Lassen wir das.

Die besorgten Besucher haben Wesel natürlich immer nach den Schwierigkeiten, den Krisen gefragt, von denen sie in den Zeitungen lesen, nach der Masse radikaler Studenten, die in Westberlin zusammenströmen. Wesel wehrt ab: alles halb so schlimm. Wird sich ganz ohne Zutun wieder verlaufen, wenn die politischen Stellen der Stadt nur ruhig bleiben, von törichten Interventionen abgehalten werden können, die nichts nützen, sondern nur Aufwallungen, Solidarisierungen, Massenaktionen zur Folge haben. Überläßt man die Linken sich selbst, zwingt man sie nicht durch Druck von außen zur Einigung, fallen sie in viele miteinander verfeindete Gruppen auseinander. Dieser Prozeß, meint Wesel, übrigens schon seit Jahr und Tag, ist in vollem Gange. Von den Straßen sind sie schon weg, aus den Instituten werden sie auch noch verschwinden. Wesel, die dominierende Gestalt, der beste Kopf im Präsidialamt der FU, spricht vertraulich mit leisem Spott von seinem Präsidenten, dem er sich sichtlich überlegen fühlt. Er traut sich selbst, ganz allein, offenbar zu, das Ganze schon über die Runden zu bringen. Wir schaffen es, beruhigt er seine ängstlichen Gäste, „wir ziehen das durch“ – eine Weselsche Lieblingsformulierung.

Für die anderen, die Radikalen, ist dieser intelligente und gewandte Einzelgänger, der weder in der SPD noch unter seinen Kollegen oder in den politischen Gruppen der rechten und linken Mitte an der Universität Vertrauen genießt, ein Wunderdoktor, ein Akrobat, ein Seiltänzer ohne Netz, ohne Seil – ein Geschenk des Himmels. Er ist ihr Mann. Er läßt sie gewähren, er deckt ab, er beschwichtigt, heizt allerdings auch, wenn die Gelegenheit günstig scheint, ganz gern kleine Konflikte an. Er laviert und taktiert, zwickt zwischendurch mit Vergnügen Politiker und Professoren. Wesel genießt sein Amt, erwähnt lächelnd sein „libidinöses Verhältnis zur Macht“. Dies ist kein weltfremder Romanist, kein Bohemien, keine Spitzweg-Figur, wie man beim ersten Blick annehmen könnte. Ein einzelner Mann, mit Hilfe, natürlich, einiger Berater und Mitarbeiter, gestützt auf den wachsenden Einfluß der Radikalen und ihrer zahlreichen Mitläufer, regiert und repräsentiert heute die FU – nicht die neugebildeten Gremien wie das Kuratorium, der Senat, das Konzil. Wenige haben wirklich Mitspracherecht, darunter verschwindend wenige Professoren – vielleicht zwei Dutzend unter den Hunderten, die an der FU leben und lehren. Wie die alte wird die neue Universität, allem Gerede von der Demokratisierung zum Trotz, von einer Oligarchie regiert; am Ende wird man wohl Robert Michels doch noch recht geben müssen. Immer mehr geht die Macht faktisch auf das Präsidialamt und die von ihm favorisierten extrem linken Gruppierungen über. Die gesetzlichen Gremien werden geschwächt, umgangen, kaum informiert, nach den Worten meines Kollegen Carl-Ludwig Furck „durch eine Geheimpolitik der ‚Grauen Eminenzen‘ im Präsidialamt ausgehöhlt“. Die Gremien sind nur noch Fassade.

Die Frage ist, ob das auf die Dauer gutgehen kann; daß es nicht den Absichten des Gesetzes entspricht, ist ohnehin klar. Ich prophezeie nicht spektakuläre Zusammenbrüche, nicht das Ende der FU; apokalyptische Visionen der Rechten wie der Linken haben mir nie eingeleuchtet. Universitäten – wie Institutionen überhaupt – stürzen in den seltensten Fällen zusammen. Sie werden ausgehöhlt, siechen dahin, verlieren für Lehrende wie Lernende rapide an Attraktivität.