Um bei 30 bis 40 Grad Kälte Beton gießen zu können, ließen sie zu beiden Seiten des Mischers Lastwagen anfahren, auf deren Pritschen Flugzeug-Düsenaggregate derart montiert waren, daß die Ausstoßseiten, einander zugewandt, ihren Hitzestrahl in die Schüttstelle jagten. Gegen den Schlamm wurden für den Materialnachschub feste Straßen gebaut, aber links und rechts davon versackte man. Seeschiffe mit Werkzeugmaschinen fuhren von Genua durch den Don-Wolga-Kanal bis nach Togliattigrad.

Heute wohnen 350 000 Menschen in der Stadt, in einem Jahr sollen es eine halbe Million sein. Bisher arbeiten in dem ein Dutzend Kilometer entfernten Werk VAZ 12 000 bis 15 000, nach anderen Quellen 30 000 Menschen. Einmal werden es 40 000 sein, wenn die Fabrik die Kapazität erreicht, für die sie von Fiat konzipiert wurde: 2000 Wagen pro Tag. Im Mai 1971 sollten es, laut Fiat, gut 400 täglich gewesen sein.

Die für russische Temperaturen, Treibstoffe und Straßen modifizierte Version des "Fiat 124" haben die Russen nach dem nahen Hügelzug getauft: Ziguli. Um Ziguli bauen zu können, wurden 16 000 Werkzeugmaschinen installiert, auch von westdeutschen Firmen. 157 automatische Fertigungsstraßen sind vorgesehen und 15 automatische Schweiß-Straßen. 134 Kilometer Transport- und Montagebänder!

Ohne weiteres übernahmen die Russen Fiats kapitalistisches Arbeitsteilungs- und Akkordsystem, gegen das in Turin gestreikt wird. Streik, so sahen die italienischen Manager nicht ohne Neid, war etwas, womit die Russen bei ihren Kalkulationen nicht zu rechnen brauchten. Allerdings waren auch Fiats Fünfhundert, die ausgewählten Spezialisten, für die Installierung des VAZ-Werks, streikunanfällig.

Die Turiner Techniker arbeiten im allgemeinen ein halbes Jahr in Rußland. Dann werden: sie abgelöst. Manche freilich bleiben länger. Sie wohnen in Hotels, aber auch in möblierten Zimmern. Sie essen in der Werkskantine oder abends im Hotel. Zwei italienische Köche liefern Heimat auf die Teller. Der Werkspfarrer von Ferrari aus Modena sorgt für heimische Seelenkost. Kanzonenfestivals, Fußballreportagen, Quiz und andere Fernsehfolklore werden per TV-Kassette herbeigeschafft, Nachrichten über Telex geschickt. Autos können die Turiner in Rußland nicht haben. Man geht zu. Fuß oder nimmt den Bus, der auch den Werksverkehr zwischen Togliatti und VAZ besorgt.

Mit den Russen lasse sich gut zusammenarbeiten, sagt Andreis, sie seien theoretisch auf der Höhe und lernwillig, doch fehle ihnen jede Praxis in Fabriken dieser Art, obwohl sie meistens aus dem Fahrzeugbau kämen. Die häufig sich anbahnende Freundschaft zwischen Italienern und Russen wird durch die Sprachbarriere in Grenzen gehalten – und durch die rigorosen Regeln, die das Leben der Ausländer in der Sowjetunion gängeln. Kuibyshew ist überdies militärische Zone. Dennoch ist es mindestens drei Italienern gelungen, Russinnen zu heiraten. Allerdings stehen ihrer Auswanderung nach Turin gewaltige Papierhindernisse entgegen.

In Togliatti gilt die Sechs-Tage-Woche zu 41 Stunden: sieben Stunden wird täglich gearbeitet, sonnabends sechs. Die Arbeiter verdienen zwischen 120 und 150 Rubel monatlich. Überstunden gibt es kaum. Sie werden auch nicht bezahlt. Der Ziguli aber kostet 5500 Rubel. Trotzdem stehen in den Verkaufsbüros der Städte die Leute Schlange, um sich vormerken zu lassen.