Von Horst Bieber

Josef Ackermann: "Himmler als Ideologe. Nach Tagebüchern, stenographischen Notizen, Briefen und Reden"; Musterschmidt-Verlag, Göttingen 1970; 317 S., 78,– DM.

Zu den widersprüchlichsten Figuren in der deutschen Hierarchie des Dritten Reiches gehörte der Reichsführer SS Heinrich Himmler. Die meisten Menschen, die Himmler gekannt haben, fragten sich verwundert, wie dieser Mann – die Inkarnation der Mittelmäßigkeit – so mächtig werden konnte. In der zeitgeschichtlichen Forschung hat es manchen Versuch gegeben, Himmlers Macht anzuzweifeln und den "Mann hinter ihm" ausfindig zu machen. Aber es gab keine graue Eminenz; "hinter" Himmler stand nur noch Hitler, den der Reichsführer mit hündischer Unterwürfigkeit liebte und fürchtete.

Der Autor zerstört nachhaltig den letzten Verdacht, Himmler könne im Wissen um den menschlichen Hang zu einer wie immer gearteten transzendentalen Bindung für die SS und dann – das war ja sein Ziel – für das ganze neue deutschgermanische Herrengeschlecht rational, intellektuell eine neue germanische Ethik und Religion geschaffen haben. Für diesen Nachweis verfügte Ackermann über zwei wichtige Quellen: eine bisher unbekannte Liste der Himmlerschen Lektüre aus den Jahren 1919 bis 1933, die alle Titel chronologisch verzeichnet und stenographische Bemerkungen und Bewertungen enthält, und die Tagebücher Himmlers aus den Jahren 1914 bis 1924.

Himmler stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie. Der Vater, bayerischer Prinzenerzieher, impfte seinem mittelmäßigen Sohn einen verzehrenden Ehrgeiz ein. Der Drang nach Anerkennung war dauerhafter als das zweite Erbstück der bigotten Familie: der engstirnige Katholizismus. Bis in seine Studentenjahre empfand sich Himmler als treuer Sohn der Kirche. Doch sein Glaube hielt nicht stand. Leseliste und Tagebücher zeichnen nach, wie der junge Mann in den Nachkriegswirren auf der Suche nach den Gründen für das deutsche Debakel in den Bannkreis des antisemitischen und nationalistischen Schrifttums geriet. Mit der gleichen kritiklosen Inbrunst, mit der er vorher dem katholischen Glauben anhing, übernahm er nun die Lehren der Rassenmythiker und Judenhasser. Dabei ging ein schrecklicher Mangel an Intelligenz Hand in Hand mit einem Versagen der elementarsten moralischen Grundsätze.

Himmler brauchte einen Gott, denn die Furcht vor der Bindungslosigkeit war sein seelisches Grundmuster. Der seine wurde Adolf Hitler. An ihn glaubte er, der Prophet Himmler, und die SS erzog er zur fanatischen Jüngerschar. Hitler ließ ihn gewähren; denn er konnte die totale Abhängigkeit gebrauchen. Die spöttischen Bemerkungen seines Gottes hat Himmler nie zu Ohren bekommen.

Der Krieg brachte dann für Himmler eine Bewährungsprobe oder, wie man nach den von Ackermann beigebrachten Äußerungen Himmlers ruhig sagen kann, eine Periode der Passion und Anfechtung. Himmler focht einen Glaubenskrieg; der Frieden sollte die Früchte für das germanische Herrenvolk bringen, dem Hohepriestertum des einzigen sich selbst immer treu gebliebenen Anhängers Hitlers aber den letzten Lorbeer: die irdische Verwirklichung des germanischen Glaubens.