Gottlob – wir können den Kopf wieder heben, wir können uns, international gesehen, sogar wieder sehen lassen. Das war ja in den letzten Wochen beinahe zum Komplexe kriegen. Immer diese Amerikaner und ihre Staatsgeheimnisse, die aus dem Pentagon tröpfelten. Beunruhigt fragte sich so mancher bei uns: Haben wir denn nichts zu verbergen? Sind wir denn noch immer nicht wieder wer? Denn ohne Staatsgeheimnisse ist man ein Nichts, ein Niemand, dem völkerrechtlich gesehen der letzte Zipfel zur Souveränität fehlt. Eine mittelmäßige Mittelmacht. Wirtschaftlich ein Gigant, was Staatsgeheimnisse anbelangt ein Zwerg.

Jetzt bin ich beruhigt. Beruhigt durch das, was die offizielle Geschichtsschreibung einmal die „Klingelpütz-Affäre“ nennen wird. Diese Affäre gehört zur Zeit zum bestgehüteten Geheimnis des Bundesamts für Verfassungsschutz. Um nur das Notwendigste preiszugeben: Der Verfassungsschutz hat seit 1969 Geheimakten – vertrauliche Karteikarten über verdächtige Personen, Codeschlüssel, Schriftwechsel zwischen BRD und Großbritannien über Spionageabwehr, Ermittlungsakten über kroatische Geheimbündler, Mikrofilme und Unterlagen über das Versagen westlicher Geheimdienste in Bulgarien und Rumänien, dem Kölner „Klingelpütz“ zur Vernichtung übergeben. Diesen Auftrag hat man dort auch getreu ausgeführt mit dem dafür vorhandenen Personal, den Häftlingen.

Einer von ihnen, der Ex-Häftling Franz Dietrich Schuster, hat davon Dokumente abgezweigt und wollte sie der DDR verkaufen, übergab sie dann aber für dreißig Mark dem Kölner Express. Der, vor die New-York-Times-Frage gestellt, übergab das Material dem Verfassungsschutz.

Es liegt nahe, in Schuster eine deutsche Antwort auf Amerikas Ellsberg zu sehen. Zum Ellsberg fehlt aber Schuster das Zeug. Dieser Eindruck mag sich ändern, wenn man ihn erst mal gefunden hat. Gegenwärtig wird er nämlich emsig gesucht.

Vorerst sucht man aber erst verzweifelt nach einer Erklärung für diese Panne. Offen bleibt dabei noch die Frage, was hinter all dem stecken mag. Eine Vermutung liegt nicht allzufern: Daß eine Gruppe von Jungtürken im Verfassungschutz es satt hatte, immer im Schatten zu stehen und gerne einmal im Licht, und wäre es auch nur im Zwielicht, stehen wollte. Ob der Verfassungsschutz selber hinter der Affäre steckt, bleibt sein Geheimnis. Auf die Dauer gesehen vielleicht sein einziges.