ZDF, Montag, 12. Juli: „Mordgeschichten“, Spielfilm von Alain Jessua.

Ein schönes Thema: Ein kleiner Schmierenpoet und lässiger Produzent trivialer Bildergeschichten als Zauberlehrling, dessen Geschöpfe sich zu verselbständigen drohen. Er läßt sich von einer Industriellenwitwe anheuern, ihren neurotischen, pueril gebliebenen Sohn Bob, der alle seine Werke kennt und bewundert, durch tägliche Fortsetzungen eines Abenteuerschinkens zu unterhalten. Die Geschichte, zu der seine Frau die Bilder malt, ist direkt auf den debilen Exzentriker zugeschnitten, dem sie zur Droge wird, durch die er sich mit dem Helden identifiziert und wie eine Marionette manipuliert wird.

Die gegenseitige Inspiration wird aber zum Schlagabtausch, in dem beide Seiten, die Produzenten und die Konsumenten der Trivialmythen vom Fließband, ihr Fett abbekommen (schon die Szene zu Beginn in einem Kino, das einen Vampirfilm zeigt, ist ein Hinweis, daß es nicht nur um Comics, sondern um einen ganzen Zweig der Unterhaltungsindustrie geht).

Der Autor beutet die Phantasie des Hypochonders aus, und der geht schrittweise über den Text und die Bilder, die ihm geschickt zugespielt werden, hinaus. Als das Paar eine Liebesaffäre für den Helden arrangiert, rutscht die kühle, bisher von dem Muttersöhnchen nur belustigte Frau und Zeichnerin in ihre eigene Traumwelt ab: Sie läßt sich, dem Trivialkitsch ihres Mannes und ihren Illustrationen getreu, von Bob entführen. Veritable Verfolgungsjagden, ein jämmerlich gescheiterter Mord- und Selbstmordversuch der Testfigur und das Fazit ihres Schöpfers: „Durch ihn habe ich zum erstenmal erfahren, wie meine Droge auf die Leser wirkt. Und es gibt viele Leser, die diese Träume wollen...“

Obwohl er bei routinierten Meistern wie Jacques Becker, Marcel Carné oder Julien Duvivier assistierte, überzeugt Alain Jessua (er schrieb auch das Buch) im Gegensatz zu seinem Film „Das umgekehrte Leben“, der auch die Isolation und die Flucht in die Irrealität behandelt, hier mehr durch seine Konzeption als durch seine Regie. Die Geschichte fängt umständlich an, die Stimmung pendelt unentschieden zwischen Krimi-Spannung, Satire und Parodie.

Schön ist jedoch der wirkungsvolle Kontrast von Flucht aus der Realität und faulem Arrangement mit ihren Annehmlichkeiten, von Comic-Phantasien und den Verrücktheiten einer comicreifen Wirklichkeit. Denn die tatsächliche Handlung des Films ist die wahre Parodie auf die Welt der Comics. Der Zuschauer erfährt auch an sich selbst die durch den Film attackierte „geistige Vergiftung durch das Bild“ (Jessua), indem er, wie der arme Bob, seinerseits einen Halt und ein Identifikationsobjekt sucht und sich für eine der Realitätsebenen entscheidet, die ihm angeboten werden: die der Trivialliteratur, der durch sie evozierten Phantasien oder der Filmrealität. Wie die drei Hauptfiguren findet er in jeder Ebene nur ein Zerrbild vor, kann er Imagination und Wirklichkeit nicht mehr trennen.

Nur die glücklichen etwa acht Prozent Farbfernseher hatten es etwas leichter, weil Jessua bestimmte Realszenen, in denen sich Bob als Comic-Held sieht, oder solche Handlungsphasen, in denen eine der drei Figuren die Phantasie der anderen beherrscht, mit einem Grün- oder Rosastich einfärbte: Ein Fall wie der kürzlich von der ARD ausgestrahlte „Große graublaue Vogel“ von Thomas Schamoni, der wie die „Mordgeschichten“, nur ungleich faszinierender durch seine optischen Phantasmagorien, Trivialgenres der Literatur und des Films reflektierte. Es wäre schön und in diesem Fall vielleicht sogar „püblikumsattraktiv“, die zwei Filme auf der großen Leinwand zu. sehen. Das Verdienst der Fernsehanstalten schmälert das nicht. Wolf Donner