Von Wolfgang Venohr

Vor 27 Jahren scheiterte der „Putsch am Klappenschrank“, scheiterte die Verschwörung des 20. Juli 1944. Vor 27 Jahren fiel der Hauptverschwörer, der Oberst von Stauffenberg, im Hof der Bendlerstraße unter den Salven des Exekutionskommandos. Seitdem ist über den jungen Mann, über den gefährlichsten Gegenspieler, der Hitler innerhalb Deutschlands erstand, so manches geschrieben worden. Sein Andenken wurde zum Objekt des Kalten Krieges. Biographien, die sich den Anstrich wissenschaftlicher Objektivität gaben,, erschienen nur wenige, auch sie noch unverkennbar Produkte jener bitteren weltanschaulichen Polemiken, von denen Geschichtsbild und nationales Selbstverständnis der Deutschen zerrissen werden.

So mußte wohl ein Ausländer, ein „neutraler“ Schweizer kommen, der die erste vollkommene Darstellung des Attentäters, seines Lebens, Handelns und Sterbens schrieb, die – höchstmögliche Anerkennung für eine Biographie – wohl auch die letzte sein wird, denn nach diesem Buch bleibt über Stauffenberg nicht mehr viel zu sagen:

Christian Müller: „Oberst i. G. Stauffenberg, eine Biographie“; Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte 3; Droste Verlag, Düsseldorf 1971; 623 Seiten, 28,– DM.

Alles, was vorher über Stauffenberg geschrieben wurde, einschließlich der Biographien von Scheurig, Kramarz und Professor Finker in der DDR –: Müller hat es nicht nur verarbeitet und verwertet, sondern es in Zusammenhang gebracht, transparent gemacht und zu einer großen, gültigen, ja zeitlosen Darstellung komponiert. Fraglos wäre er ohne die Vorarbeiten aller anderen dazu nicht in der Lage gewesen. Er baute auf dem parteilichen Engagement anderer. Doch ihm gelang es, Bruchstücke zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, und er war klug genug, sich nicht von der Parteien Haß und Gunst herausfordern zu lassen: Nachdem er das gesamte vorhandene Material mit einer an Pedanterie grenzenden Gründlichkeit und Vollständigkeit gesammelt und geordnet hatte, setzte er sein Stauffenberg-Bild souverän über die Fronten.

Was Fakten, Namen und Daten anbetrifft, dürfte die Stauffenberg-Geschichte nun geschrieben sein. Es bleibt höchstens noch Raum zur Exegese. Aber auch sie wird schwierig, denn Müller gibt sich keine Manipulationsblößen. Seine Biographie ist wissenschaftlich exakt; er war wohl durch die Polemiken seiner Vorgänger und Vorarbeiter gewarnt und darüber belehrt, daß die Geschichte ironisch und rachsüchtig genug ist, ihren Manipulateuren immer wieder ein Bein zu stellen und der Wahrheit doch zum Sieg zu verhelfen.

Müller hat gar nicht mehr versucht, die offizielle Einheitslegende des 20. Juli aufzuwärmen. Die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten und Konflikte innerhalb der Verschwörung, insbesondere zwischen dem „revolutionären“ Stauffenberg und dem reaktionären Goerdeler, werden von ihm nicht verniedlicht und verharmlost, wie es so lange üblich war. Und Müller hat es auch unterlassen, Stauffenberg zu einem Vorkämpfer des Westens zu stilisieren, wenngleich es ihm offensichtlich schwerfällt, Stauffenberg kurzweg und ohne falsche Scham als das zu qualifizieren, was er immer war, nämlich als einen deutschen Patrioten und Nationalisten, dem es bis zum letzten Tag um die deutsche Einheit und Unabhängigkeit, in seinen Worten „um die Erhaltung des Reiches“ ging,