Dortmund

Tausend Hinweise kamen, Hunderte wurden gesichtet, aber der Top-Tip steht aus. Auf diesen aber ist die Dortmunder Mordkommission angewiesen, will sie Licht in das Dunkel um den Liebespaarmord auf dem Schießplatz bei Menden (Kreis Iserlohn) bringen. Kriminalhauptkommissar Schachtsiek ist optimistisch, daß es ihm und seinem inzwischen auf 100 Mann angewachsenen Team gelingen wird, eines der brutalsten Verbrechen der deutschen Kriminalgeschichte zu lösen. Diesen Optimismus teilt ein Heer von Detektiven, das zur privaten Spurensicherung in den Sauerlandgemeinden rund um Menden Quartier bezogen hat. Denn die 25 000 Mark Belohnung locken, die für klärende Hinweise ausgesetzt sind.

Die Nachricht von dem vierfachen Mord auf dem Schießplatz hatte Entsetzten verbreitet und die Sauerlandgemeinden in Angst und Schrecken gesetzt: Mörder sind unterwegs. Die Angst ist allgegenwärtig, aber auch die Banalität. Aus Redakteuren werden Richter, die über Bevölkerung, Journalisten und Kriminalisten zu Gericht sitzen. Der Mendener Lokalteil der Westfalenpost: „Die Einheimischen, die seit den Schüssen auf dem Schießplatz oft genug heimlich mit dem Revolver in der Tasche zum abendlichen Bier kommen, haben schnell gelernt, wo die Nachrichtenbörse floriert. Sie wissen, wer die Gerüchte kauft und Informationen bezahlt und vor allem, was Photos aus diesen und vergangenen Tagen aus dem Kreis der Opfer heute wert sind.“

„Da werden“, so schreibt das Blatt, „Familienalben geplündert, Archive geleert und Schmalfilme zerschnitten: etwas mehr und etwas weniger für ein Klassenphoto, selbst ein Filmausschnitt bringt noch gutes Geld, unscharf, aber aktuell.“ „Das wirklich große Geschäft aber machten jene“, so moniert die Zeitung, „die den Mördern von Menden möglicherweise schon gegenübergestanden haben: das Liebespaar von Iserlohn, das für einen Betrag von mehreren tausend Mark die Angst des Tatabends exklusiv für Deutschlands größte Boulevardzeitung nachempfand.“

„Wir haben Angst vor den Mördern, denn wir sind die einzigen, die sie identifizieren können“, gestehen die 16jährige Ursula Wollenweber und ihr 19jähriger Freund Wolfgang Drolshagen. Dreizehn Tage vor dem vierfachen Mord wurden auch sie mit Waffengewalt bedroht. Nur ihr flehentliches Bitten, sie nicht zu erschießen, und ihre Versicherung, die Täter nicht zu kennen, rettete ihnen das Leben. Sie sind sicher, daß sie „Mike“ und „Duke“ – so nannten sich die beiden – trotz ihrer Gesichtsmasken wiedererkennen würden. An der Stimme. Sie sprachen hochdeutsch mit leicht saarländischem Akzent. Und sie waren ortskundig: „Kennen wir uns nicht aus dem Iserlohner ‚Haus der Begegnung?‘“ fragte einer der beiden, bevor sie mit dem Auto des Pärchens flohen.

Vieles spricht auch nach Meinung der Polizei dafür, daß die Liebespaarmörder im Kreis Iserlohn zu Hause sind. Die Warnschüsse, die „Mike“ und „Duke“ abfeuerten, kommen aus der gleichen Waffe, wie die, mit der der vierfache Mord auf dem Schießplatz begangen wurde. Ein Vergleich ergab: In beiden Fällen wurde ein Revolver vom Typ Arminius HW 9 benutzt. Nicht nur nach Waffen fahndet die Polizei, gesucht wird auch ein roter Fiat 850 mit Iserlohner Kennzeichen. Ein Zeuge erinnert sich an einen Fiat-Fahrer, der wild hupend und in rasender Fahrt durch die nur wenige Kilometer vom Tatort enfernt liegende Gemeinde Bösperde fuhr. Der Wagen – blaßrot – wurde wenige Stunden später erneut von dem Zeugen gesehen: am Schießplatz. Am Steuer des Fiats 850 saß ein junger Mann – 20 Jahre, schmales Gesicht, dunkelblondes Haar, das fast bis zum Hemdkragen reichte. Einen roten Fiat 850 fuhren auch zwei junge Männer, die am 12. Mai in Schießplatznähe beim Vergraben von Diebesgut beobachtet wurden. Die Beute stammt aus einem Einbruch in Iserlohn. Die Polizei ist auf Grund von Zeugenaussagen sicher, daß der Wagen aus. dem Landkreis Iserlohn stammt: Das Nummernschild trug ein „IS“, die Fahndung nach den insgesamt 1000 gemeldeten Fiat-Fahrzeugen in Iserlohn wurde inzwischen auf das Ausland ausgedehnt.

Obwohl die Zahl der Hinweise inzwischen abebbt, die Arbeit der Sonderkommission unter keinem guten Stern steht, viele Tatspuren verwischt sind, gibt sich die Mordkommission optimistisch. Die Tatwaffe, die Parallele zu Iserlohn und der rote Fiat sind nach Ansicht der Beamten ein Ermittlungsergebnis, das sich sehen lassen kann. „Wenn wir nach jedem Mord so viele Dinge in der Hand hätten, könnte man zufrieden sein.“ Doch die entscheidenden Mosaiksteine zur Aufklärung des Verbrechens fehlen noch.