Die Verwirrung ist komplett. Vor zweieinhalb Wochen wurde die feierliche Grundsteinlegung für das 300-Megawatt-Atomkraftwerk Schmehausen im Kreis Hamm von der Firma Fried. Krupp kurzerhand abgesagt. Der Grund war Unstimmigkeiten bei der Auftragsvergabe für das Kernkraftwerk, das von der HKG-Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH betrieben werden soll. Diese Unstimmigkeiten verzögerten die Umwandlung des letter of intent – der Absichtserklärung für den Bau – in einen festen Auftrag an die BBK–Brown, Boveri/Krupp Reaktorbau GmbH, an der die beiden Firmen mit je einer Million Mark zu je 50 Prozent beteiligt sind.

Zwei Wochen später scheint das Projekt vorerst endgültig geplatzt. Auf der Hauptversammlung der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW), einer der Hauptgesellschafter der HKG, teilte Vorstandsmitglied Klaus Knizia – zugleich Hauptgeschäftsführer der HKG – überraschend mit, Krupp habe sich entschlossen, seine Beteiligung an der BBK zu verkaufen. Das aber würde nichts anderes bedeuten, als daß Krupp sich aus dem Reaktorbau-Geschäft zurückzieht.

Doch im Hauptquartier des Essener Konzerns zeigte man sich überrascht: „Es wird weiter verhandelt.“ Und bei dieser Darstellung blieb Krupp auch, als von anderer Seite bestätigt wurde, daß der Vorstand noch nach einer gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat am 29. Juni in Bonn die Verkaufsabsicht erklärt habe. Inzwischen hat Krupp-Boß Günter Vogelsang seinen Jahresurlaub angetreten, aus dem er erst im August zurückkehrt.

In der Branche glaubt man die Gründe für die weder bestätigte noch dementierte Entscheidung im Hause Krupp zu kennen: Krupp sei verärgert, daß sich die Erwartungen über die Beteiligungen des Hauses an den konventionellen Zulieferungen zu dem Kernkraftwerk nicht erfüllt haben. Tatsächlich sind die konventionellen Teile öffentlich ausgeschrieben worden, zumal sich der Bund zu einem erheblichen Teil an den Baukosten von 690 Millionen Mark beteiligt.

Ganz offensichtlich liegt der Reiz in dem Geschäft mit Atomkraftwerken vorwiegend in den Zulieferungen zu den konventionellen Kraftwerksteilen. „Auf dem eigentlichen Gebiet des Kernreaktorbaus gibt es außer finanziellen Verlusten nicht viel zu melden“, lautet der Kommentar des Geschäftsführers der Nukem, Wirths, die die Brennelemente liefert.

Krupp wäre nicht die erste Firma, die sich aus dem Atomkraftwerkgeschäft zurückzieht. Vorher haben bereits die Gutehoffnungshütte, Rheinstahl und die Deutsche Babcock & Wilcox – die allerdings noch gemeinsam mit Siemens und der Demag an der Interatom beteiligt blieb – dieses Geschäft aufgegeben. Babcock & Wilcox unternimmt gegenwärtig gemeinsam mit der BBC einen zweiten Anlauf.

Möglicherweise hängt das Zögern Krupps auch mit dem Typ des Reaktors Schmehausen zusammen. Während die HKG als Bauherr der neuen Entwicklung des Thorium-Hochtemperaturreaktors eine echte Chance gibt, beurteilen andere Wissenschaftler diese Entwicklungslinie zurückhaltender. Sie meinen, sie führe gegenüber den bereits seit längerer Zeit gebauten Leichtwasserreaktoren in eine Sackgasse, so daß sich die Kosten für die Entwicklung des Prototyps – bisher besteht erst ein Versuchsreaktor von 15 MW in Jülich– nicht auszahlen, weil keine serienmäßigen Anschlußaufträge zu erwarten seien.