Schon Italiens Freiheitsheld Giuseppe Garibaldi drängte vor 100 Jahren auf den Bau einer italienisch-französischen Bahnlinie von Piemont an die Côte d’Azur. Aber Italien und Frankreich hatten mit ihrem Gemeinschaftswerk viel. Pech. Im ersten Weltkrieg blieb der Streckenbau aus Mangel an Kapital und Arbeitskräften liegen. Erst 1928 wurde der gemeinsame Schienenweg fertig. Im Zweiten Weltkrieg sprengten deutsche Truppen beim Rückzug die sechs Viadukte, und drei von den 49 Tunnels gingen zu Bruch.

Seither sinnt die italienische wie die französische Wirtschaft im Grenzland auf eine Wiederherstellung der Linie. Vor allem Nizza – aufstrebende Hafenstadt und drittgrößter Flughafen Frankreichs – hat Interesse am italienischen Hinterland. Die Industrie im südwestlichen Piemont wiederum braucht eine direkte Verbindung zum Meer.

Nach dem langsamen Abbau von Ressentiments – Italien mußte 1945 das Tenda-Tal, durch das die Bahnlinie führt, an Frankreich abtreten – ist es nun soweit: Ein Staatsvertrag vom Juni 1970 soll ein europäisches Gemeinschaftswerk ermöglichen. Italien als Hauptnutznießer der Linie Cuneo – Nizza (mit Abzweigung nach dem italienischen Ventimiglia) übernimmt die Bauregie. Frankreich zahlt einen Zuschuß von sechs Millionen Franc.

Die gesamten Baukosten für das knapp 50 Kilometer lange französische Streckenstück betragen nach offiziellen Schätzungen 36 Millionen Franc (Stand Mai 1970). Während das französische Parlament dem Vertrag bereits zugestimmt hat, fand die römische Kammer noch keine Zeit dazu. Dennoch soll der Baubeginn für nächstes Jahr gesichert sein.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Projekts liegt aber nicht nur in der Erschließung des Hinterlandes und in besseren Direktverbindungen zum Mittelmeer für Nordeuropas Touristen. Die neue Linie schafft auch wichtige verkehrstechnische Voraussetzungen für ein neues Projekt: Erstmals in der EWG setzen sich Interessenten verschiedener Mitgliedsländer für die Schaffung einer gemeinsamen überstaatlichen Wirtschaftsregion ein.

Sowohl Genua wie Marseille liegen von der Blumenriviera zu weit weg, um einen stimulierenden Einfluß auf die Wirtschaftsentwicklung auszuüben. Deshalb soll die Stadt Nizza nach den Vorstellungen der Italiener und Franzosen in diesem Grenzbezirk die Rolle eines Entwicklungszentrums übernehmen. Die Vorteile einer solchen Lösung für das französisch-italienische Hinterland liegen auf der Hand: günstigere Verbindungen zu den internationalen Verkehrsadern.

Aber auch die Küstenwirtschaft diesseits und jenseits der französisch-italienischen Grenze hat viele gemeinsame Interessen. So denkt man etwa an eine gemeinschaftliche Touristenwerbung. Die Voraussetzungen sind günstig, da Klima und Beherbergungsstruktur von Alassio bis Cannes gleich sind. Auch die Parfümindustrie und die Blumenzucht, beide führend in Europa, könnten von einer gemeinsamen Region profitieren. Die Blumenzüchter hoffen vor allem auf eine Rationalisierung des Transports.