Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Hoch über den Dächern Frankfurts, im Hotel Intercontinental, floß Sekt. Alles, was im deutschen Messewesen Rang und Namen hat, war erschienen, um die neue "Verfahrensordnung" des Auma – des "Ausstellungs- und Messeausschusses der Deutschen Wirtschaft e. V." – aus der Taufe zu heben. Direktoren deutscher großer und mittelgroßer Messen, offizielle Vertreter der Veranstalter und Besucher gaben ihren Segen zu einem Papier, an dem viele Jahre lang herumgebastelt worden war und das nun endlich den "Wildwuchs" schlecht koordinierter Messen, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, beseitigen soll.

Werner G. Schmitz, Ministerialrat im Bundeswirtschaftsministerium und Leiter des Referats Messen und Ausstellungen, fand, die neue Verfahrensordnung sei einer "staatlichen Messehoheit, bei der Behörden durch Genehmigung oder Verweigerung der Genehmigung über die Veranstaltung von Messen entscheiden", vorzuziehen. Und er äußerte den Wunsch, die nun in Kraft gesetzte "Regelung der leichten Hand" möge "von allen Beteiligten – letztlich auch im eigenen Interesse – beachtet und damit zu einem Erfolg werden".

Heute, kaum mehr als drei Monate nach dem feierlichen Akt, sieht es bereits so aus, als sei die neue Messeordnung bisher keineswegs "von allen Beteiligten" beachtet worden. Es sieht nicht einmal so aus, als habe der Auma bisher auch nur in einem einzigen Fall von seinen neugeschaffenen Eingriffs- und Einspruchsmöglichkeiten Gebrauch gemacht. Dabei hätte er dazu mehr als einmal Gelegenheit gehabt.

  • München kündigte für die Zeit vom 30. November bis 3. Dezember 1971 die "Systems 71" als "die bedeutendste Computermesse" an. Für November 1971 plant die Internationale Bodenseemesse Friedrichshafen die "Ratio 71", die sich gleichfalls mit EDV-Anlagen, mit "Hard-Ware" und mit "Soft-Ware" befassen soll. Fast gleichzeitig sollen also im süddeutschen Raum zwei Veranstaltungen deckungsgleichen Inhalts abrollen, die sich noch dazu mit dem traditionellen Computerangebot der Hannover-Messe überschneiden.
  • Hamburg kündigte für 1972 die "Intertraffic" an als "Internationale Ausstellung für den kombinierten Verkehr". Nebenher existiert – mit gleichem Thema – die "Containerization", die sich aus der Hamburger Container-Ausstellung entwickelte, 1970 in München stattfand und 1974 wieder in Hamburg tagen soll. Peter Kruse, Werbechef der größten deutschen Container-Vermietgesellschaft, der Contrans: "Wir gehen nur zur Interfreight 71 nach London und zur Intertraffic nach Hamburg. Bei den übrigen Veranstaltungen sind wir nicht hundertprozentig von der praktischen Effizienz überzeugt. Wir freuen uns darüber, daß Container ohnehin fast überall zu finden sind – unsere, zum Beispiel, als Papierkörbe auf der Hannover-Messe. Wir, jedenfalls, rationalisieren aus eigener Kraft."
  • Ähnlich reagiert auch Dr. Günther Haase, Geschäftsführer des Bundesverbandes Montagebau und Fertighäuser: "Angesichts der unübersichtlich vielen Fertighausausstellungen, bei denen manchmal nur ein paar Häuser in der hintersten Ecke aufgebaut wurden – so in Dortmund – oder die nur regionale Bedeutung haben – wie in Mannheim und Aurich – und deren Schaustücke jeweils wieder abgerissen werden müssen, haben wir zur Selbsthilfe gegriffen. Unsere Mitglieder beteiligen sich nur noch an der als ‚Die deutsche Fertighausausstellung‘ angekündigten Veranstaltung, die zuletzt in Wulfen tagte und nächstes Jahr in Heppenheim an der Bergstraße stattfinden wird. Unsere Bedingung: Die Häuser müssen stehenbleiben und bewohnt werden."
  • Düsseldorf veranstaltete zuletzt 1969 Kongreß und Ausstellung "Reinhaltung der Luft" und gab bekannt, beim nächstenmal – Mitte 1973 – solle der gesamte Umweltschutz das Thema sein. Gleichzeitig kündigte Stuttgart eine neue Veranstaltung für das Frühjahr 1972 an. Das Thema: Umweltschutz.
  • Schon lange gibt es zahlreiche regionale Büroausstellungen. Hamburg aber gab bekannt, es wolle im September 1971 eine "Internationale" Büroausstellung veranstalten. Sie würde sich – sofern sie trotz mangelnder Unterstützung des einschlägigen Hamburger Fachverbands zustande kommen sollte – thematisch mit dem internationalen Büroangebot der Messe Hannover überschneiden.
  • Für Oktober dieses Jahres kündigte Münchens Messegesellschaft die "Interpublica" an, und zwar als "Internationale Fachausstellung für alle Medien der Wirtschaftswerbung". Die Hamburger Messegesellschaft "Planten un Blomen" gab sich erstaunt, bastelte sie doch seit langem für den Oktober 72 an einer Messe namens "Communication", die gleichfalls alles enthalten soll, was irgend mit Werbung zu tun hat. Vorsichtig fragte sie beim Auma in Köln an, was er von der Angelegenheit halte. Dabei stellte es sich heraus, daß der Auma von diesem Münchner Schnellschuß gar nichts halten konnte: Er war nicht etwa vor Unterrichtung der Öffentlichkeit informiert worden, auch nicht hinterher, er war überhaupt nicht ins Bild gesetzt werden.

Die Liste der thematischen und terminlichen Verfilzungen ließe sich fortsetzen. Solange der Auma nicht eingreift, wird nichts geschehen. Dabei gibt es freilich Begebenheiten, die sich selbst dann der Eingriffsmöglichkeit des Auma entziehen würden, wenn dieser Spitzenverband endlich energisch würde. –

So gibt es zum Beispiel Bestrebungen der Glas- und Porzellan-, Keramik- und Schmuckindustrie, sich der Hannover-Messe anzugliedern. WMF blieb bereits in diesem Jahr Hannover demonstrativ fern. Diese Branchen planen aber nicht eine neue Messe, sondern sie wollen sich anderen bestehenden Veranstaltungen einfügen. Sie denken etwa an die Frankfurter Frühjahrs- und Herbstmesse oder an die Kölner Hausrat- und Eisenwarenmessen. Solche Umschichtungen sind, sozusagen, messeordnungsneutral

Weit verbreitet im deutschen Messewesen ist folgender Brauch: Fachverbände, die Besucher oder (meist) Aussteller repräsentieren, kassieren von Messegesellschaften eine Art Vermittlungsprovision, wenn es ihnen gelingt, eine Veranstaltung just auf dem Gelände dieser Messegesellschaft stattfinden zu lassen. Solche Praktiken sind allgemein bekannt, es findet sich jedoch nicht ein einziger Messedirektor oder Verbandsfunktionär, der bestimmte Fälle schildern würde. "Was wollen Sie", sagt zum Beispiel der Direktor einer bekannten Messegesellschaft, "so etwas ist doch überhaupt nicht zu ändern. Das sind nun einmal unsere leicht maghrebinischen Verhältnisse." Ein anderer spricht von einer "Mafia", ein dritter von einer "Mauer des Schweigens".

Gelegentlich werden von den Verbänden Gegenleistungen zusätzlicher Art – etwa Übernahme der Werbung – geboten. Aber auch ohne solche Leistungen erreichen die Zahlungen sechsstellige Ziffern. "Wenn das Geld allein der Gesichtspunkt für die Ortswahl einer Messe wäre, so wäre das ein absoluter Mißstand", sagt einer der Messedirektoren.

Hermann Kulla, Leiter der Abteilung Absatzwirtschaft beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), meint: "Bei solchen Zahlungen bestünde nicht die Gewähr dafür, daß bei der Wahl des Messeorts alle Interessen einwandfrei berücksichtigt würden."

Es fragt sich sehr, wie der Auma mit seiner mehr oder weniger als Ehrenkodex fungierenden Verfahrensordnung gegen solche massiven finanziellen Interessen vorgehen könnte. Seine Chancen sind um so geringer, als in deutschen Landen eine starke Expansion der Messeflächen im Gange ist. So baut zum Beispiel Düsseldorf für rund 400 Millionen Mark eine völlig neue Messe. Ähnliches plant Nürnberg für etwa 125 Millionen.

Bei Investitionen in solchen Höhen muß das Bestreben, mit möglichst vielen Veranstaltungen die neuen Hallen möglichst oft umsatzträchtig zu füllen, sehr groß sein. Geschätzte Jahresumsätze heute: Hannover 44 bis 48 Millionen Mark, Düsseldorf 35 bis 40 Millionen (einschließlich Ausland), Köln 30 bis 40 Millionen, Frankfurt 25 bis 30 Millionen.

Auch der Auma selbst ist an einer Zunahme der belegten Standfläche finanziell nicht ganz uninteressiert: Die sogenannten Auma-Groschen sind seine Hauptfinanzquelle. Jeder Aussteller zahlte pro Veranstaltung und pro Quadratmeter Ausstellungsfläche bisher 62 Pfennig und muß seit neuestem 90 Pfennig blechen. Das "Inkasso" übernehmen die Messegesellschaften.

Aber Quantität muß Qualität nicht unbedingt ausschließen. Der Auma soll ja nicht einfach beschneiden, sondern rationalisieren und koordinieren.

Daher ist er nicht in einer beneidenswerten Position: Er vertritt nicht nur die schwer über einen Kamm zu scherenden Interessen der Aussteller und der Veranstalter (was nicht das gleiche ist), der Besucher und der Messegesellschaften. Er muß darüber hinaus mit einem Eingreifen des Bundeskartellamts rechnen. Zwar wurde von Anfang an mit den Berliner Kartellhütern verhandelt mit dem "Erfolg", daß die Formulierungen immer schlaffer wurden. Dennoch gab das Amt – wie Kurt Schoop sagt – "nicht grünes, sondern gelbgrünes Licht". Kartellbeamte sind immer noch der Meinung, bei enger Auslegung der Verfahrensordnung werde eine Wettbewerbsverzerrung oder gar -Verhinderung nicht auszuschließen sein.

So könnte sich das Kartellamt zum Beispiel einschalten, wenn der Auma seine über einen potentiellen Veranstalter gesammelten Informationen – wie in der Verfahrensordnung vorgesehen – "unter den Interessierten austauschen" würde. So etwas wäre durchaus als Wettbewerbsbehinderung anzusehen.

Hermann Kulla vom BDI meint dazu: "Wenn das Bundeskartellamt eingriffe, wäre paradoxerweise der letzte Beweis dafür erbracht, daß die Verfahrensordnung funktioniert." Und mehrere Messedirektoren stimmen ein: "Wir hoffen sehr, daß einmal ein solcher Fall durchgestanden werden muß."