London, im Juli

Mit Fernsehduellen, Pressekonferenzen und einer Millionenauflage von Aufklärungsbroschüren und Weißbuch-Volksausgaben ist Englands „große Debatte“ über das Für und Wider des EWG-Beitritts in Gang gekommen. Sonderparteitage, Vorstandssitzungen, Jahreskongresse und zwei große Parlamentsdebatten folgen. Dabei wird immer klarer, daß es nach allem Hin und Her am Ende bei der Unterhausabstimmung gar nicht um die komplizierten Beitrittsbedingungen geht, sondern um die Tatsache, daß die Labour Party die Tory Party nicht leiden kann, und umgekehrt die Konservativen ihre Macht nicht an die Sozialisten abtreten wollen – zwei Dinge, die wichtig sein mögen, aber nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erweiterung des Europa-Marktes stehen.

Denn immer weniger wird zum Beispiel in den Reihen der Opposition davon geredet, ob England in Europa liegt oder nicht. Gaitskell bezweifelte es noch, Wilson weiß es besser. Auch die Bedingungen des Beitritts kann man nicht länger unannehmbar nennen, seit Männer wie die Labour-Außenminister Brown und Stewart sowie Wilsons designierter EWG-Unterhändler Thompson sie als akzeptabel bezeichnet haben. Die neueste Linie jener Labour-Führer, die sich nicht mit unreflektierter Insularität lächerlich machen wollen, verläuft daher entlang den traditionellen parteipolitischen Fronten in Westminster: Europa – ja; die Bedingungen – im Grund nicht übel, aber nicht unter dieser Regierung. Richard Crossman, Denis Healey, lauter kluge Leute, laufen in diese selbstgestellte Falle und finden, die Brücke über den Kanal sei begehbar oder nicht – je nachdem, ob ihr Entwurf von Edward Heath oder von Harold Wilson stammt.

Wilsons Postulat vom Vorrang der Parteieinheit vor dem Europa-Beitritt fasziniert vor allem die Männer bei Labour, die sich dem Kreis der Kandidaten für den nächsten Parteivorsitz zurechnen. Mit EWG-Sympathien empfiehlt man sich nicht bei Labour, jedenfalls nicht im Augenblick. Daß Befürworter wie Jenkins und Lever dann übermorgen gesuchte Männer sein werden, weil sie allein in der Zehner-EWG mitarbeiten können, erkennt die Partei so wenig, wie sie an die langfristigen Vorteile des vergrößerten Marktes glaubt. Premierminister Heath aber reibt sich die Hände über diese Frontenbildung. Sie wird seine eigene Fraktion in der Defensive einigen.

Die Tories sind sicher, daß Wilson auf dem falschen Dampfer sitzt. Eine Londoner Karikatur ließ ihn sogar in Tiergestalt zwischen zwei davonfahrenden Hecks schwimmen, die die beiden Flügel seiner Partei darstellen. Unterschrift: Die Schiffe verlassen die sinkende Ratte.

Karl-Heinz Wocker