Wochenendhäuser und Seelenmessung

Der polnische Journalist Alexander Paszynski verbrachte auf Einladung des DDR-Außenministeriums vierzehn Tage im Nachbarland "jenseits der Oder". Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er in der Warschauer Wochenzeitung Polityka seine Eindrücke. Dabei stieß er auch auf ein bisher unbekanntes Problem: polnische Gastarbeiter in der DDR.

Ein Zufall hatte den Journalisten aus Warschau zu den polnischen Arbeitern geführt. Das Programm sah die Besichtigung von Ilmenau vor und dort neben einem Besuch in der Ingenieurschule und in der Glashütte auch einen Abstecher zu der – wie Paszynski schreibt – "größten Exportinvestition polnischer Unternehmen", einem polnischen Baubetrieb. Die Gastgeber hielten es für wichtig, dem Polen den Fortschritt in der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, die Vertiefung des Integrationsprozesses, zu demonstrieren. Er benutzte die Gelegenheit und fragte seine Landsleute: Wie lebt es sich hier?

Rund tausend polnische Arbeiter sind in diesem Ilmenauer Werk beschäftigt, in wenigen Monaten werden es doppelt so viele sein. Sie arbeiten bereits seit einigen Monaten in der DDR, einige schon seit Jahren. Mehrere haben sich hier sogar verheiratet.

"Sie verdienen durchschnittlich 800 bis 900 Mark monatlich. Etwa soviel wie ihre Kollegen bei den deutschen Firmen, vielleicht etwas weniger. Davon werden für das reine Leben etwa 200 Mark ausgegeben. Man kann natürlich mehr ausgeben, aber auch bedeutend weniger." Der Reporter hielt sich an jene, die weniger ausgeben.

Die polnischen Arbeiter bedienen sich ihrer eigenen Umrechnungskurse, erfuhr er. Für sie bedeutet eine (Ost)Mark fünf bis sechs Zloty, wenn man sie für Lebensmittel ausgibt, und zehn Zloty, wenn man sie für andere Konsumgüter verwendet. Dabei handle es sich nicht um irgendwelche Währungsgeschäfte. Die polnischen Arbeiter hätten das Recht, ihre Ersparnisse auf ihr Konto bei der polnischen Sparkasse zu überweisen – und für die Devisen einen günstigen Kurs zu bekommen. Dennoch rechneten und verglichen sie ständig. Jeder Einkauf würde genau überlegt und kalkuliert. Dabei seien sie zu der Überzeugung gelangt, daß es für sie vorteilhafter ist, sich in Polen mit Kleidung einzudecken. Ein Paar Schuhe für 30 oder 40 Mark zahlt sich nicht aus. Das gelte auch für Oberhemden.

Aufgefallen ist dem polnischen Berichterstatter, daß die Sozialleistungen in der DDR bedeutend höher sind als in Polen. Seine Landsleute, die hier arbeiten, haben das bei ihren Kursbestimmungen berücksichtigt. Allerdings vermerkte der Warschauer Journalist eine andere Besonderheit des DDR-Lebens: Er stellt einen Kampf zwischen den individuellen und gesellschaftlichen Interessen fest. "Der freie Samstag wird mit einer höheren Anstrengung an den übrigen Wochentagen verdient. Er wird also von den Beteiligten als ein Tag der Erholung aufgefaßt. Die Gesellschaftspolitiker hatten sich dies freilich anders gedacht: Der freie Samstag soll der Weiterbildung, der Vervollkommnung des Fachwissens, der Hebung der ideologischen und beruflichen Kenntnisse vorbehalten sein. Daher organisiert kein Betrieb am Samstag irgendwelche Ausflüge, das Fernsehen strahlt keine Unterhaltungssendungen aus, die Theater spielen keine zusätzlichen Unterhaltungsstücke. Statt dessen organisiert man Schulungsabende, das Fernsehen sendet Bildungsprogramme."

Wochenendhäuser und Seelenmessung

Dem polnischen Beobachter wurde nicht verhehlt, daß es deswegen schon zu Konflikten gekommen ist und daß die Konflikte an Schärfe zunehmen, weil der erhöhte Lebensstandard, vor allem die individuelle Motorisierung dem einzelnen mehr Unabhängigkeit von der organisierten Massenerholung bietet. Die preisgünstigen Angebote an Sportartikeln fördern diese Unabhängigkeit. In der DDR sei eine ganz neue Erscheinung zu verzeichnen: die Mode, ein eigenes Weekend-Haus zu besitzen.

"Wir hatten Gelegenheit, dies während eines Ausflugs an die Seen und Kanäle in der Umgebung Berlins zu beobachten", schreibt der polnische Publizist. "Einer Gegend, die mit keinem Gebiet um eine polnische Stadt zu vergleichen ist: buchstäblich übersät mit Häuschen, von denen jedes seine eigene Anlegestelle für Segelboote besitzt. Auf den Wegen zu den Seen stehen Tafeln mit der Aufschrift: "Privat!"

Das sei bedeutsam angesichts der Bedeutung, die man in der DDR der ideologischen, erzieherischen und politischen Arbeit beimesse, meint der polnische Autor mit versteckter Ironie. Das Ausmaß dieser Arbeit beeindrucke noch mehr als die wirtschaftliche Entwicklung oder der Lebensstandard. "In einigen Jahren werden wahrscheinlich auch wir einen solchen Wohlstand erreichen, aber ich denke, es wird uns schwerer fallen, eine ähnliche Anstrengung auf dem Gebiet der Seelengestaltung zu unternehmen."

Als Beispiel für die "schockierende" Dimension der politischen Arbeit, die SED, FDJ und die Gewerkschaftsorganisation leisten würden, nannte Paszynski das Buna-Werk. Im Betrieb Schkopau allein arbeiten 25 000 Arbeiter. Davon sind 20 Prozent SED-Mitglieder. Rund tausend Gruppen der Gewerkschaft sind unermüdlich tätig. Fast hundert Betriebsangestellte sind Betriebs-, Stadt- oder Gemeinderäte. Dazu kommt noch das Jugend- und Frauenkomitee, die Schlichtungskomitees, die Rationalisierungsgruppen und Dutzende anderer Organisationen. Alle diese Leute gingen ständig durch eine systematische Schulung. Das System dieser Schulung sei weit besser ausgebaut als in Polen, die Anwendung der erworbenen Kenntnisse werde bedeutend schärfer kontrolliert.

Besonders beeindruckte ihn das Parteikomitee der Fabrik für Nachrichtentechnik in Arnstadt. Es entsprach dem elektronischen Charakter dieses Betriebes, daß auch die dortige Parteiinstanz entsprechend ausgerüstet war. Ein großes Schaltpult mit einigen Dutzend Kästchen stand in der Mitte des Raums. Am unteren Ende befanden sich drei Knöpfe mit den Bezeichnungen: die Aufgaben der Parteiorganisation, die Aufgaben der Leitung, die Aufgaben des Parteimitglieds. Es genügte, den entsprechenden Knopf zu drücken, und auf einer Leuchttafel erschien die "Losung" – etwa, welches die Aufgaben des einzelnen Parteimitglieds auf dem Gebiet der wissenschaftlich-technischen Revolution sind.

In demselben Parteikomitee demonstrierte man dem Polen auf Millimeterpapier gezeichnete Kurven vom Stand des Bewußtseins der Belegschaft. Verschiedenfarbige Linien zeigten den Bewußtseinsstand der Belegschaft getrennt für Arbeiter, technische Angestellte, Jugendliche und Frauen an, und zwar jeweils getrennt für Probleme der Arbeit, der Partei, des Staates und weltanschaulicher Auffasungen. Die Tafeln zeigen an, auf welchem Gebiet die politische und ideologische Schulung intensiviert werden müsse.