Dem polnischen Beobachter wurde nicht verhehlt, daß es deswegen schon zu Konflikten gekommen ist und daß die Konflikte an Schärfe zunehmen, weil der erhöhte Lebensstandard, vor allem die individuelle Motorisierung dem einzelnen mehr Unabhängigkeit von der organisierten Massenerholung bietet. Die preisgünstigen Angebote an Sportartikeln fördern diese Unabhängigkeit. In der DDR sei eine ganz neue Erscheinung zu verzeichnen: die Mode, ein eigenes Weekend-Haus zu besitzen.

"Wir hatten Gelegenheit, dies während eines Ausflugs an die Seen und Kanäle in der Umgebung Berlins zu beobachten", schreibt der polnische Publizist. "Einer Gegend, die mit keinem Gebiet um eine polnische Stadt zu vergleichen ist: buchstäblich übersät mit Häuschen, von denen jedes seine eigene Anlegestelle für Segelboote besitzt. Auf den Wegen zu den Seen stehen Tafeln mit der Aufschrift: "Privat!"

Das sei bedeutsam angesichts der Bedeutung, die man in der DDR der ideologischen, erzieherischen und politischen Arbeit beimesse, meint der polnische Autor mit versteckter Ironie. Das Ausmaß dieser Arbeit beeindrucke noch mehr als die wirtschaftliche Entwicklung oder der Lebensstandard. "In einigen Jahren werden wahrscheinlich auch wir einen solchen Wohlstand erreichen, aber ich denke, es wird uns schwerer fallen, eine ähnliche Anstrengung auf dem Gebiet der Seelengestaltung zu unternehmen."

Als Beispiel für die "schockierende" Dimension der politischen Arbeit, die SED, FDJ und die Gewerkschaftsorganisation leisten würden, nannte Paszynski das Buna-Werk. Im Betrieb Schkopau allein arbeiten 25 000 Arbeiter. Davon sind 20 Prozent SED-Mitglieder. Rund tausend Gruppen der Gewerkschaft sind unermüdlich tätig. Fast hundert Betriebsangestellte sind Betriebs-, Stadt- oder Gemeinderäte. Dazu kommt noch das Jugend- und Frauenkomitee, die Schlichtungskomitees, die Rationalisierungsgruppen und Dutzende anderer Organisationen. Alle diese Leute gingen ständig durch eine systematische Schulung. Das System dieser Schulung sei weit besser ausgebaut als in Polen, die Anwendung der erworbenen Kenntnisse werde bedeutend schärfer kontrolliert.

Besonders beeindruckte ihn das Parteikomitee der Fabrik für Nachrichtentechnik in Arnstadt. Es entsprach dem elektronischen Charakter dieses Betriebes, daß auch die dortige Parteiinstanz entsprechend ausgerüstet war. Ein großes Schaltpult mit einigen Dutzend Kästchen stand in der Mitte des Raums. Am unteren Ende befanden sich drei Knöpfe mit den Bezeichnungen: die Aufgaben der Parteiorganisation, die Aufgaben der Leitung, die Aufgaben des Parteimitglieds. Es genügte, den entsprechenden Knopf zu drücken, und auf einer Leuchttafel erschien die "Losung" – etwa, welches die Aufgaben des einzelnen Parteimitglieds auf dem Gebiet der wissenschaftlich-technischen Revolution sind.

In demselben Parteikomitee demonstrierte man dem Polen auf Millimeterpapier gezeichnete Kurven vom Stand des Bewußtseins der Belegschaft. Verschiedenfarbige Linien zeigten den Bewußtseinsstand der Belegschaft getrennt für Arbeiter, technische Angestellte, Jugendliche und Frauen an, und zwar jeweils getrennt für Probleme der Arbeit, der Partei, des Staates und weltanschaulicher Auffasungen. Die Tafeln zeigen an, auf welchem Gebiet die politische und ideologische Schulung intensiviert werden müsse.