Thomas Mann nannte seine 1913 erschienene Novelle „Der Tod in Venedig“ eine „Geschichte von der Wollust des Untergangs“; später bezeichnete er sie als „gewagt“ und als „etwas sehr Sonderbares“. In der Novelle beschließt der erfolgreiche Schriftsteller Gustav von Aschenbach, ganz gegen seine Gewohnheit, einen Urlaub in Venedig zu verbringen. Dort erfaßt ihn, den preußisch-strengen, tugendsamen Deutschen, eine unwiderstehliche Liebe zu dem zarten polnischen Knaben Tadzio, eine Liebe, an der Aschenbach moralisch und körperlich zerbricht.

Wie muß diese Geschichte eines „ermüdenden Lebens“ Luchino Visconti, den großen italienischen Rhetoriker des Untergangs, gereizt haben! Ist doch der Zerfall der traditionsreichen europäischen Kultur sein Lieblingsthema. Hat doch dieser „letzte große Dekadente“ von „Senso“ über „Der Leopard“ und „Sandra“ bis zu „Die Verdammten“ immer subtilere Formeln gefunden, eine dem Untergang geweihte Schönheit zu zelebrieren.

Thomas Mann und Luchino Visconti, das ist die glückhafte Begegnung zweier verwandt empfindender Künstler. Beiden ist das Bewußtsein gemein, die letzten Vollender eines Lebensgefühls, eines Kunstprinzips zu sein, das sie bis zu einer nicht mehr überbietbaren handwerklichen Perfektion zu steigern vermögen.

So ist der Film „Der Tod in Venedig“ mehr als eine der üblichen Literaturverfilmungen. Die Übereinstimmung Viscontis mit der Welt Thomas Manns führt zu einer so vollständigen Aneignung der Geschichte durch Visconti, daß der Film ganz aus der Autorität seiner Meisterschaft lebt. Er erschafft die Geschichte neu, indem er sie mit seinem Film noch einmal erzählt.

Obwohl Visconti die Novelle nahezu minuziös in Bilder umgesetzt hat, ändert er sie in einigen Punkten. So fügt er in den wenigen Rückblenden Szenen und Charaktere aus Manns Roman „Dr. Faustus“ ein: Aschenbachs Auseinandersetzung mit seinem Freund und Schüler, die Szene mit der Familie und den Bordellbesuch.

Die wesentlichste Veränderung betrifft den Charakter Aschenbachs. Aus dem disziplinierten, erfolgreichen Schriftsteller wird bei Visconti ein enttäuschter, deprimierter Komponist. Bedeutete in der Novelle der Entschluß, nach Venedig zu reisen und den genau abgezirkelten und geplanten Lebensbereich zu verlassen, zunächst lediglich eine Gefährdung der Persönlichkeit Aschenbachs, so ist im Film Aschenbach schon zu Beginn ein todgeweihter Mann. Gleich in der Anfangseinstellung läßt Visconti in das milchige Grau des Himmels das intensive Schwarz der Rauchfahne von dem Dampfer eindringen, mit dem Aschenbach nach Venedig fährt und der in dieser Bildkomposition an ein durch die Unendlichkeit gleitendes Krematorium erinnert. Es wird deutlich: diese Reise führt in den Tod.

Wieder einmal zelebriert Visconti das Sterben so vertraut, so intim, wie es außer ihm kaum jemand versteht. Es ist, als wolle er die Zeit anhalten und die letzten Sterbesekunden zu zwei Filmstunden dehnen, um die letzten Zuckungen einer Kultur, eines Menschen bis zur Neige auszukosten.