In den Wandelgängen des Düsseldorfer Hotels „Intercontinental“, beim stundenlangen Warten auf die inzwischen bekannten Ergebnisse des hinter verschlossenen Türen tagenden Weltfußballverbandes (FIFA), tauchte die Überlegung auf: Was wollen wir eigentlich mehr, die beiden bedeutendsten Sportveranstaltungen der Gegenwart, Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften werden in der Bundesrepublik ausgetragen. Man fühlt sich an ein Wort von Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard erinnert und möchte gern in den Ausruf: „Wir sind wieder wer!“ einstimmen, wenn es bloß etwas leichter von den Lippen ginge.

Sicher, die Werbewirksamkeit dieser beiden Großereignisse ist unbestritten, die sportlich engagierte Welt schaut in den nächsten drei Jahren permanent hierher. Nur: Was haben wir davon? Und die andere Frage: Gibt es keine überzeugendere Art der Selbstdarstellung als durch den Bau eines Zeltdaches im Werte von 120 Millionen Mark oder einem knappen Dutzend Sportstadien mit über 350 Millionen Mark Baukosten? Da sage noch einer, der Sport wird unterbewertet. Richtig ist doch wohl, daß der Profisport hoffnungslos überbewertet wird. Der Prestigewert von Länderspielen und Bundesliga-Begegnungen genießt Priorität bei den Überlegungen vieler Ratsherren. Die Parlamente verzichten vorerst zugunsten riesiger Arenen auf den Bau von Turnhallen und Schwimmbädern. Der Fehlbedarf an Übungsstätten ist bekannt, dennoch können Bund, Länder und Gemeinden belegen, daß heute mehr Geld für die Sportförderung ausgegeben wird als jemals zuvor.

Die Bundesrepublik hat mit Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft zwei finanzielle Kraftakte zu verdauen, die den Sportetat zu sprengen drohen und ihn einseitig belasten. Wie sehr die Relationen verschoben sind, geht aus der Tatsache hervor, daß sich das Zeltdach des Olympiastadions in München durch die Verwendung eines für das Farbfernsehen günstigeren Kunststoffes um etwa 50 Millionen Mark verteuert. So gesehen, ist der Protest des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verständlich, der Bonn vorwirft, das ganze Geld in die Olympischen Spiele zu stecken und die Finanzierung der WM-Stadien zu vernachlässigen.

In Düsseldorf präsentierten die zehn vom DFB nominierten Städte ihre Stadien en miniature. Die FIFA-Delegierten begutachteten die maßstabgetreuen Modelle, ließen sich von kundigen DFB-Führern Zuschauer-Kapazität, Presseplätze usw. erklären, vergaßen aber nach den Kosten zu fragen. Dabei waren die astronomischen Zahlenkolonnen das Interessanteste an der Ausstellung. So stand zu lesen, daß das Kölner Stadion 64 Millionen Mark kostet, Düsseldorf will es mit 42 Millionen schaffen, für das Berger Feld in Gelsenkirchen werden 50 Millionen veranschlagt. Freilich muß man wissen, daß diese Zahlen längst überholt sind: Es handelt sich um Angebote vom vorigen Jahr. Bei der rapiden Kostensteigerung auf dem Baumarkt kann bis Fertigstellung dieser Bauten getrost nochmals 25 Prozent hinzuaddiert werden.

Der DFB als der Welt mitgliederstärkster Fußballverband verspürte den legitimen Wunsch, auch einmal Gastgeber des Weltturniers zu sein. Die FIFA, stets froh, Veranstalter zu finden, erteilte dem DFB prompt den Zuschlag. Die Folgen für das betreffende Land gehen weder zu Lasten der FIFA, noch des DFB. Es sind die Steuerzahler, die jetzt für die Wünsche der Fußballfunktionäre aufkommen müssen.

Bei allem Unmut über die finanziellen Belastungen der Haushalte darf man natürlich nicht außer acht lassen, daß der Volkssport Fußball ungeheure Massen in Bewegung setzt. Und solange Millionen von Menschen das Bedürfnis haben, Fußballspiele mitzuerleben, müssen entsprechende Einrichtungen vorhanden sein. Insofern kommt den Millionen-Bauten ein positiver Aspekt zu: Spätestens 1974 verfügt die Bundesrepublik über eine Reihe modernster Sportstadien, die den Sicherheitsbestimmungen bei Massenveranstaltungen voll Rechnung tragen. Ein Vorzug, den man seit der Stadionkatastrophe von Glasgow zu schätzen gelernt hat. Rolf Kunkel