Von Lothar O. Nelki

Eine Kehlkopfoperation, zu der ich mich ins Krankenhaus hatte einweisen lassen, wird ohne Narkose vorgenommen; der Patient bleibt also bei Bewußtsein. Und so können dort, wo andere Patienten normalerweise gezwungen sind, das Nirwana zu erleben, im Operationssaal mithin, allfällige Gedanken zur Lage des Ärztestandes und zur Krankenhausreform wach werden, private Gedanken, versteht sich.

Ich hatte mich zu privater Operation und Alleinunterbringung in der Ersten Klasse der HNO-(Hals-, Nasen-, Ohren-)Klinik in einer großen norddeutschen Stadt entschlossen, Erster Klasse deshalb, weil ich an einer einst in Jugendlagern erworbenen Phobie gegen allerlei Geräusche von Schlafgenossen leide, allergisch gegen Informationen über die Anamnese von Krankheiten anderer Personen bin und vielleicht zwar hartherzig, auf keinen Fall aber nervenstark genug auf das Leiden meiner Umwelt reagiere. Darüber hinaus wollte ich gern Freunde zu den von mir gewünschten Zeiten empfangen können und den Anblick von mit Nelkensträußen verzierten kleinen, Trauerkränzchen um die Bettzellen herum vermeiden. So legte ich mich denn am Tage vor meiner Operation in ein schönes, großes, einem mittelklassigen Hotelzimmer nicht unähnliches Krankenzimmer mit separatem Bad und WC, sah fern und wartete. Freundliche Schwestern, hübsche Jungschwestern, attraktive Oberschwester ...

Plötzlich erschien der Chefarzt, in Begleitung zweier schüchtern wirkender Damen – von denen sich eine später als kompetente Stationsärztin herausstellte. (Die Hierarchie im Krankenhaus hat offensichtlich noch jene Form der Demut von unten nach oben, wie sie in der modernen Industrie fast ausgestorben ist; nur in einer Bremer Kaffeerösterei habe ich sie noch bestaunen können.) Der Chefarzt stellte sich als Professor und morgiger Spalter meines Kehlkopfes vor, wies auf die Vorteile meiner Erkrankung speziell an dieser Stelle des Körpers hin und malte den Magen in so düsterem Vergleich aus, daß ich nicht umhin konnte, mich für meine Erkrankung beim Professor zu bedanken. Er rühmte meinen Humor: So gefaßt sehe er seine Patienten am liebsten, und verließ einen über solches Lob überglücklichen Patienten.

Das Glück währte freilich nur so lange, bis der Patient zu der schüchtern wirkenden Begleiterin des Professors gebeten wurde, die sich nun als Stationsärztin vorstellte und mein formelles O. k. zu der Operation einholen sollte: „Bei Ihnen wird morgen eine Laryngofissur durchgeführt.“ Im Klartext sagte sie dann, daß der Chefarzt meinen Kehlkopf mit einer Kreissäge halbieren und mein rechtes Stimmband herausschneiden werde. Ich unterschrieb mit feuchter Hand mein Einverständnis und ging mit unguten Gefühlen ins Zimmer zurück. Inzwischen wären meine Frau und mein Freund und Geschäftspartner gekommen, letzterer glücklicherweise mit einer vollen Bourbon-Flasche. Wir ließen diese im wesentlichen um mich kreisen.

In der Zwischenzeit hatte das dienstfreie Personal die HNO-Klinik verlassen, um sich am Betriebsfest des Krankenhauses zu beteiligen. Dieses Fest muß sehr schön gewesen sein: selbst zu meiner Operation um neun Uhr angesetzte Ärzte blieben bis halbfünf Uhr morgens. Der Chefarzt war früher schlafen gegangen. Wir ließen in meinem Zimmer die Whisky-Flasche weiterkreisen. Ich schluckte die bereitgestellten drei Schlaftabletten, nahm von Frau und Freund Abschied, schüttete, nun allein, einen letzten ungeheuren Schluck Medley in mich hinein und schlief irgendwann ein.

Um sechs Uhr morgens gelang es zwei Schwestern nach einigen Mühen, mich zu wecken und mir zwei Beruhigungstabletten einzuflößen, damit der Sedierungsprozeß für die Operation um neun Uhr eingeleitet werde. Ich schlief sofort wieder ein. Nach kurzer Zeit wurde ich wieder geweckt: um eine zusätzliche Sedierungsspritze zu erhalten. Dann mußte ich mich allen Schmucks (Uhr und Brille) entledigen und das traditionelle hinten offene Krankenhausgewand anlegen. Zwei Jungschwestern erschienen mit einem Rollbett. Sie fuhren mich in den Lastenfahrstuhl, rollten mich über Flure, stellten mich dann irgendwo auf dem Gang hinter dem OP ab und verschwanden kichernd. „Das Betriebsfest“, fiel mir ein.