Von Horst Vetten

München 13, Saarstraße 7: Hinter der Glas- und Stahlfassade arbeitet ein Management an einem Milliardenunternehmen, das nicht produziert, nichts verdient und in zwei Jahren liquidiert sein wird. Nach Ablauf seiner „Geschäftszeit“-Zeit wird es sich unter Hinterlassen größerer Bauwerke und beträchtlicher Mengen bedruckten Papieres auflösen. Was das Unternehmen bis dahin beispielsweise an Geld in Bewegung gesetzt hat, schreibt sich mit allen Nullen so: 2 000 000 000,00.

„Das Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade“, so heißt es nun einmal, ist sicherlich nicht nur aus ökonomischer Sicht ein merkwürdiges Unternehmen. Einmal mit all seinen kaum vorstellbaren politischen, Wirtschaftlichen und unternehmerischen Konsequenzen in Gang gebracht, hat der Koloß Eigengesetzlichkeiten entwickelt, die ihn in die Lage versetzen, den verschiedensten Fährnissen zu trotzen. Seit Ludwig Erhards Olympia-Wagnis hat in Bonn schon zweimal der Kanzler (und damit der Vorsitzende des Olympia-Beirates) gewechselt. Von Lücke über Bayerns Kultus-Huber bis zu Genscher und Vogel haben bereits Politiker verschiedenster Couleur dem Organisationskomitee als Vizepräsidenten gedient und sind wieder gegangen. Olympias Kosten kletterten von 540 Millionen Mark auf zwei Milliarden. Möller ging, Olympia blieb. Schiller könnte die Mark aufwerten, die Benzinsteuer verdoppeln oder die Autonomie der Tarifpartner einschränken: Olympia könnte er nicht mehr abschaffen. Der Apparat rotiert. Einen Abschaltknopf hat er nicht.

In Betrieb gehalten wird er von einem Management, das wie jedes Management viel weniger nach Juchten und Peter Stuyvesant riecht, als Klein Fritzchen sich das vorstellt. Das Münchner Olympia-Management ist wie jedes andere Management der Welt in dem furchtbaren Irrtum befangen, es sei kreativ. Dabei hat es, wie wiederum jedes andere Management der Welt, lediglich seinen Auftrag. Den führt es aus.

Freilich, und da ist der Unterschied: In der Münchner Saarstraße 7 werkelt die seltsamste Managerschar der Welt: eine kunterbunte Truppe, zusammengewürfelt aus Industrie und Behörde, ausgeliehen von Staat und Städten. Juristen, Journalisten, Künstler, Beamte, ein Rektor, ein Diplomat und ein Oberstleutnant. Ihr oberster Baumensch ist Bayerns größter Bauherr seit Ludwig II. Einer, der Protokollmann, ging dreihundertmal mit Ehrengästen auf den Fernsehturm zum Essen. Zweihundertmal muß er noch. Einer läßt im Englischen Garten die Luft auf ihre Zusammensetzung untersuchen, ein anderer forscht zu PR-Zwecken nach der schönsten Münchnerin.

Der Oberste. in der Direktionsetage schließlich ist ein Ehrenamtlicher. Um Zeit zu sparen, schläft er oft auf einem Feldbett im Hause.

Diese Leute, in Zeitnot gesucht (um nicht zu sagen gefunden), für kurze Zeit nur verpflichtet, Absprungwillige also oder Abenteuerlustige mit Spaß an einem kurzen Job oder eben sicherheitsbewußte Beamte, denen der Stuhl reserviert ist, andererseits aber auch Karrieremenschen, die sich ausrechnen können, daß nach den Spielen für sie nichts mehr so sein wird wie vorher: Diese Leute also sollen Olympia machen.