Der Nato droht Entblößung an den Flanken. Kaum ist der Streit um einen wichtigen Stützpunkt im Süden, die Insel Malta, entbrannt, da kommt auch aus dem Norden unangenehme Kunde: In seiner Regierungserklärung forderte der neue Ministerpräsident Islands, Olafur Johannesson, die Vereinigten Staaten auf, ihre Basis in Keflavik zu räumen. Zwar gewährt Island den Amerikanern für den Abzug eine vierjährige Frist, aber sie kann den Schock kaum mildern. Denn Keflavik ist für die Atlantische Verteidigungsgemeinschaft ein wichtiger Vorposten – wahrscheinlich noch weniger zu ersetzen als Malta.

Island ist ein Kontrollpunkt auf den Schifffahrtswegen zwischen dem Norden Europas und der Ostküste Amerikas. Von Keflavik aus können die Bewegungen der sowjetischen Kriegsschiffe überwacht werden, die aus dem riesigen Marinestützpunkt Kola bei Murmansk dem offenen Atlantik zustreben.

Angesichts der zunehmenden Aktivität der Sowjetflotte ist die Bedeutung der Basis Keflavik für die westliche Verteidigungsgemeinschaft gar nicht hoch genug einzuschätzen. Warum will das Nato-Mitglied Island sie dennoch schließen? Das neue linksgerichtete Kabinett möchte verwirklichen, was schon vorhergehende Regierungen geplant haben. Dringlichstes Motiv dafür war und ist die Sorge um die eigene Unabhängigkeit, die Island erst 1944 gewonnen hat. Aber in letzter Zeit sind andere Beweggründe dazugekommen: ein wachsender Druck der Sowjets und, paradoxerweise, gleichzeitig eine steigende Entspannungseuphorie.

Ähnliche Faktoren (und der Wunsch nach mehr Geld) motivieren die maltesische Regierung – zumindest was die Hoffnung auf Entspannung betrifft, könnten die Entschlüsse im Süden und im Norden, auf Malta und in Island, genau das Gegenteil bewirken. Denn eine Nato mit bloßen Flanken ist verletzlich; das Gleichgewicht der Kräfte wäre gestört, das Frieden und Entspannung erst ermöglicht. d. b.