Die Angst vor dem Alter hängt bei vielen Menschen mit der Befürchtung zusammen, die allgemeine Denkfähigkeit werde nun allmählich abnehmen. Aus kleinen, unbedeutenden Fehlern leiten sie dann oft die fixe Idee ab, es beginne jetzt die Zeit des großen Versagens. Der erwartete Intelligenzabbau wird dabei meist als durchaus „natürlich“ empfunden – als Schicksalsschlag, der jeden einmal trifft und gegen den nichts unternommen werden kann.

Eine vor zehn Jahren begonnene und jetzt abgeschlossene Studie der Professoren Frances Wilkie und Carl Eisdorfer von der medizinischen Fakultät der Duke-Universität in Durham (US-Bundesstaat Nordkarolina) gibt nun erste Hinweise dafür, daß der Schlund an geistiger Potenz mit steigendem Alter eher als ein mit verschiedenen Herzleiden zusammenhängendes Krankheitsbild denn als natürlicher Alterungsprozeß anzusehen ist („Science“, Vol. 172). Die Mediziner berichten, daß sie bei Versuchspersonen im Alterszeitraum zwischen 60 und 69 Jahren keine Verringerung der Intelligenz feststellen konnten, wenn diese über normalen Blutdruck verfügten; bei leicht angehobenem Blutdruck hätte sich sogar eine leichte Erhöhung der mit dem Wechslertest gemessenen Intelligenz ergeben.

Nicht so bei Menschen mit hohem Blutdruck. Obwohl sie derselben Altersgruppe angehörten, protokollierten Wilkie und Eisdorfer ein stetiges Abnehmen der Intelligenzwerte über den Beobachtungszeitraum von 10 Jahren.

Auch bei vollkommen gesunden Menschen mit normalem Blutdruck war aber bei einem weit über 70 Jahre hinausgehenden Alter ein gewisser Intelligenzrückgang zu beobachten. In der Altersgruppe von 70 bis 79 Jahren zeigten nämlich die Meßwerte der Mediziner auch für Männer und Frauen mit normalem bis leicht überhöhtem Blutdruck abnehmende Tendenz; Personen mit hohem Blutdruck standen den Wissenschaftlern in diesem Altersbereich nicht bis zum Ende der Versuchsperiode zur Verfügung.

Ihre Ergebnisse lassen wohl den Schluß zu, meinen die Autoren, daß bei gesunden Menschen bis zu einem Alter von etwa 75 Jahren nur mit Einschränkungen von einem natürlichen Intelligenzabbau gesprochen werden kann. Vielmehr sollte „dem normalen Alterungsprozeß als Ursache einer rückläufigen geistigen Entwicklung nur eine sekundäre Rolle zugesprochen werden – im Gegensatz zu (primär verantwortlichen) krankhaften Vorgängen“ im menschlichen Körper. Der weitverbreitete Eindruck, Alter mache dumm, ist ihrer Meinung nach vielleicht deshalb entstanden, weil es unter alten Menschen viele mit zu hohem Blutdruck gibt.

Friedrich Abel