Zur Fünfhundert-Jahr-Feier Albrecht Dürers haben sich die Zoologen mit einem Beitrag nicht lumpen lassen. Anlässe dazu hat Dürer reichlich geliefert. Läuft doch zum Beispiel unter dem Pferd des Ritters im Bild vom „Ritter, Tod und Teufel“ ein Hund einer interessanten ausgestorbenen Rasse. Auch die „Tote Blauracke“ wäre einer Untersuchung wert. Ihre Farbe ist nicht deshalb so fahl, weil der Vogel tot ist, sondern es muß dem Künstler – so scheint es Ornithologen – die blassere indische Rasse dieser in Deutschland inzwischen selten gewordenen Vogelart vorgelegen haben.

Doch nicht um den Hund, den Vogel oder den „Hasen“ geht es in einem Beitrag des Züricher Zoodirektors Professor Heini Hediger. Gegenstand seiner kunst- und naturgeschichtlichen Abhandlung in der Zeitschrift „Der Zoologische Garten“ ist vielmehr das Auftauchen eines indischen Panzernashorns mit einem „Dürer-Hörnlein“.

Dies ist der zoologische Fachausdruck für ein Hörnlein, das Dürer in seinen Nashorndarstellungen dort hingesetzt hat, wo nach bisheriger Ansicht der Zoologen das Nashorn nie ein Hörnlein hat, nämlich im Nacken zwischen den Schulterblättern. Ein Nashorn, das nun doch, zum overkill gerüstet, mit einem Horn auf dem Rücken aufwartet, muß geeignet sein, den Künstler als Tierzeichner zu rehabilitieren.

Zur Vorgeschichte: Ein erstes Panzernashorn hatte im Jahre 80 der römische Kaiser Titus importiert und im gerade vollendeten Kolosseum zur Schau stellen lassen. Doch die Kenntnis vom-Aussehen eines solchen Tieres geriet wieder in Vergessenheit. Erst 1515 kam erneut ein Panzernashorn nach Europa, und zwar nach Lissabon. Dürer hat dieses Tier nie gesehen, konnte sich aber von einem portugiesischen, Zeichner eine brauchbare Vorlage beschaffen, nach der er eine Silberstiftzeichnung und einen Holzschnitt anfertigte. Einen zufälligen Schnörkel auf der Vorlage – so die bisherige Deutung – interpretierte Dürer irrtümlich als ein spiralig gedrehtes Horn.

Mitsamt dem überzähligen Hörnlein wurde Dürers Nashorn nun mehr als zweihundert Jahre lang in künstlerischen Darstellungen kopiert und in naturkundlichen Büchern nachgezeichnet und ausgeschmückt. So gibt es abenteuerliche Bilder, in denen das Panzernashorn sein Dürer-Hörnlein raffiniert im Kampf gegen Elefanten einsetzt. Exakt abkonterfeit, und zwar in Metall getrieben, ist Dürers Nashorn noch an der linken Tür des Westportals am Dom zu Pisa zu sehen (Entstehungszeit etwa 1595).

Daß das Dürer-Hörnlein nicht zur Normalausstattung eines Panzernashorns gehört, wurde erst offenkundig, nachdem ein holländischer Kapitän 1741 abermals ein lebendiges Exemplar nach Europa brachte. Dieses Tier wurde einige Jahre lang in europäischen Ländern herumgezeigt und hat dabei vielen Künstlern Modell gestanden. Naturgetreu wiedergegeben ist es auf dem Fayence-Tintengeschirr Gottfried Kellers, das sich in der Zentralbibliothek in Zürich befindet.

In den vergangenen Jahrzehnten, so berichtet Professor Hediger, sind nun sehr viele Nashörner in die zoologischen Gärten gelangt und in der Natur beobachtet und photographiert worden. Dabei stellte es sich heraus, daß die Hornbildung der Nashörner allgemein sehr variabel sein kann. Afrikanische Nashörner können – statt normal zwei – drei, fünf, noch mehr oder gar keine Hörner ausbilden. Der New Yorker „Bronx-Zoo“ besitzt ein Panzernashorn, das auf der Stirn einen überzähligen kleinen Hornzapfen trägt.