Sehr geehrte Eltern und Lehrer, liebe Mitschüler!

Bis vor kurzem war es noch selbstverständlich, daß die Abiturienten im Rahmen einer Abschlußfeier ins Leben „entlassen“ wurden, und es war fast ebenso selbstverständlich, daß einer der Abiturienten einige Worte des Dankes an Eltern und Lehrer richtete. Inzwischen wurde an verschiedenen Gymnasien, wie kürzlich wieder in Rheinfelden, auf eine solche Feier verzichtet.

Auch für uns hier in Säckingen ist es eine Frage geworden, ob und wem und wie gedankt werden soll. Hören Sie sich dazu einmal den Ausspruch eines meiner Mitschüler an: „Danken – was soll der Quatsch? Die Eltern haben uns in die Welt gesetzt und sollen gefälligst dafür sorgen, daß wir eine richtige Ausbildung kriegen. Und was die Lehrer betrifft, so tun die ja nur ihren Job und werden dafür bezahlt. Genausogut könnte man uns dafür danken, daß wir in die Schule gegangen sind, in der ganz bestimmt einiges nicht in Ordnung ist. Wir sind es ja, die gearbeitet und das Abi geschafft haben, und wir sollen auch noch danken?“ Bestimmt denken noch mehr von denen, die jetzt hier vor mir sitzen, so oder ähnlich. Jetzt können Sie vielleicht verstehen und ermessen, wie mir hier vorn zumute ist, denn ich weiß, daß viele Erwachsene glauben, einen Dank erwarten zu dürfen, und meine Kameraden, für die ich ja sprechen soll, sehen das vielleicht gar nicht ein. Aus dieser Haltung heraus können solche Reden entstehen, in denen vom Kultusminister bis „last not least“ zur Putzfrau jeder mit einem Brocken Pauschaldank abgespeist wird, nach dem Motto: Hier hast du deinen Dank, jetzt sei zufrieden und laß uns gehen.

Würden Sie sich über einen solchen Dank freuen?

Es wäre mir das Schlimmste, wenn ich hier diesen Eindruck erweckte. Und deshalb werde ich darauf verzichten, jeden zu nennen, der eines Dankes würdig ist; es täte mir nachher auch um die leid, die ich dabei vielleicht vergessen würde.

Nein, ich habe Ihnen, verehrte Eltern und Lehrer, etwas anderes anzubieten: Wir Abiturienten wollen uns stets daran erinnern, daß wir nicht nur etwas erhalten haben – seien dies nun gute oder schlechte Erfahrungen –, sondern daß wir auf Grund der Summe all dieser Erfahrungen durch Sie und mit Ihnen auch etwas geworden sind.

Wir haben nicht nur die Erinnerung an die Fahrt nach London oder an verhauene Klassenarbeiten, sondern alle unsere Erlebnisse haben uns erst zu dem gemacht, was wir sind. Und wenn einer glaubt, er hätte sich aus eigenem Antrieb heraus entwickelt und seinen Weg selbst bestimmt, so konnte er das ja auch nur, wenn ihm von Ihnen die dazu notwendige Freiheit gelassen wurde, und wenn er schon genügend Selbstvertrauen hatte, um diesen eigenen Weg zu suchen.