In jedem Fall also haben Sie uns sehr stark beeinflußt und geprägt. Und was kann Ihnen mehr Freude bereiten, als wenn wir, die wir sozusagen durch Ihre Hände gegangen sind, von uns sagen: Wir nehmen uns an, so wie wir sind.

Wir sehen zwar Fehler an uns, die vielleicht sogar Sie uns anerzogen haben, die uns auch selbst stören, doch keiner von uns wird wohl sagen wollen, daß er sich deswegen minderwertig oder gar widerlich vorkommt. Jeder von uns traut sich zu, mit der Grundlage, die Sie uns gelegt haben, durchs Leben zu kommen. Und gerade das ist ja das erklärte Ziel der Erziehung. Was kann Ihnen mehr Freude bereiten, als die Gewißheit, daß auch Sie Ihr Ziel erreicht haben, nämlich: Wir trauen uns zu, von der Schule zu gehen und Sie zu verlassen.

Als wir in die Sexta kamen, haben Sie da nicht auch eine Aufgabe übernommen? Sie waren sich doch damals ganz gewiß nicht sicher, ob Sie es schaffen würden, uns bis hierhin, wo wir jetzt stehen, zu führen. Bestimmt haben auch einige von ihnen jedes Jahr ebenso gebangt wie einige von uns. Merken Sie es jetzt? Auch Sie haben etwas erreicht, Sie können sich ebenso freuen wie wir. Freuen Sie sich, daß wir von Ihnen fortgehen werden, und denken Sie daran, daß das ja Ihr Ziel war: Wir sollten selbständig werden. Dieses gerade erworbene Selbstvertrauen, die Freude und der Stolz auf unsere Freiheit, ist vielleicht auch der Grund dafür, daß uns das Danken etwas Unbehagen bereitet, denn man gibt in diesem Stadium natürlich nicht gerne zu, daß man sehr lange einer Führung bedurft hat.

Sobald aber unser Selbstvertrauen und unsere Selbständigkeit noch weiter gewachsen sind, wird bei der Erinnerung an Sie oft ein Gefühl des Dankes mitschwingen. Dessen können Sie dann gewiß sein, auch ohne daß es Ihnen heute in dieser Stunde jemand vom Rednerpult her versichert. Horst Löffler

Erziehung zur Kritik?

Sehr verehrte Anwesende! Mir ist heute die Aufgabe Zugefallen, anläßlich unseres bestandenen Abiturs im Namen der Abiturientinnen einige Worte an Sie zu richten. Ich möchte mich im folgenden kritisch mit einer der, wie ich meine, wichtigsten Aufgaben der Schule in unserer Zeit auseinandersetzen.

Zuvor möchte ich jedoch darauf hinweisen, daß wir nach neunjährigem Besuch des Gymnasiums ein Wissen haben, dessen Breite wir vielleicht nie wieder erreichen werden, da jede von uns sich jetzt spezialisieren muß, gleich ob im Beruf oder während des Studiums. Für die Vermittlung dieses Wissens möchte ich unseren Lehrern danken.