Neben der reinen Wissensvermittlung sehe ich die wichtigste Aufgabe der Schule in der Erziehung zum "Kritischen Denken". Die Erziehung zur Kritik muß schon in der Schule ansetzen, wenn sie Erfolg haben soll.

Kritik üben heißt nicht Opposition um jeden Preis. Kritik nämlich ist die Fähigkeit, einen Sachverhalt rational zu durchdringen, sich auf dieser Basis mit ihm auseinanderzusetzen und so schließlich zu einer eigenen Beurteilung der Sache zu finden.

Das Vermögen, so zu denken, kann nur anerzogen werden. Dies wiederum ist aber nur dann möglich, wenn der Lehrende selbst kritisch im oben definierten Sinne denken kann und will.

Wo – meine Damen und Herren vom Kollegium – bleibt die Erziehung zur Kritik, wenn man Schülerinnen ganze Seiten diktierter Interpretationen auswendig lernen läßt und ihnen so eine vorgefaßte Meinung aufgezwungen wird? Beispiele dieser Art gibt es viele, ich möchte jedoch hier nur dies eine anführen.

Die Erziehung zum "Kritischen Denken" wird aber in nicht zu unterschätzendem Maße auch durch das Elternhaus erschwert, wenn nämlich Ermahnungen wie: "Sei nicht so frech; mach’ dir keine Ungelegenheiten und denke daran: die Schule hat doch den längeren Hebel", täglich auf den Schüler eindringen.

Auf solche Weise fördern manche Eltern eine bedingungslose Anerkennung jedweder Autorität; und sie fördern eine Anpassung an noch vorhandene obrigkeitsstaatliche Formen, eine Anpassung, die, auf andere Lebensbereiche übertragen, fatale Folgen haben kann.

Die Erziehung zum "Kritischen Denken" scheitert aber auch an den Schülern selbst. Viele Schüler wollen nämlich gar nicht zur Kritik erzogen werden, denn es scheint ihnen, sicherlich zu Recht, bequemer, die Dinge laufen zu lassen und eine völlig gleichgültige Haltung einzunehmen.