Von Hellmuth Karasek

Kühne Reiter, auf kraftvoll sich aufbäumenden Pferden im Kampf gegen die Stiere der Arena: auf Blättern von Goya, der tauromaquia gewidmet, kann man sie noch sehen.

In den Schilderungen Hemingways („Fiesta“, „Der Unbesiegte“) oder in der Beschreibung Tucholskys („Ein Pyrenäenbuch“) sind aus den stolzen Rossen zwar schon arme, altgediente Klepper geworden, aber diese Pferde sind noch die Schlachtopfer der corrida: die Stiere schlitzen ihnen die Eingeweide aus dem Leib.

Wer heute einen Stierkampf sieht, braucht diesen Anblick nicht mehr zu fürchten. Seit einigen Jahrzehnten tragen die Pferde, auf denen die picadores in die Arena reiten, die Lanze angelegt, zu der Augenbinde, die ihnen schon früher die Angst vor den Bullen nehmen sollte, Matten um den Leib. Der Stier, der auf sie losrennt, während sie ihn lammfromm-ahnungslos stehend erwarten, stürzt sie bestenfalls in den Sand, wo sie dann regungslos liegenbleiben, ein Anblick des Jammers, bis sie von den Reitknechten wieder hochgezerrt werden.

Diese müden Gäule, die nicht sehen noch wissen, wie ihnen geschieht, wenn die Kraft des Stiers sich in ihre abgepolsterten Flanken bohrt, sind die letzten kümmerlichen Zeugen der Tatsache, daß der Stierkampf einst ein Reiterspiel war. Stierkämpfe zu Pferde gibt es noch, aber sie sind nur noch ein Nebenzweig eines Kampfes, der von einem Mann zu Fuß bestritten wird, vom matador.

Im achtzehnten Jahrhundert war in Ronda ein Reiter von einem Stier in den Sand geworfen worden. Als ihn das Tier lebensgefährlich bedrohte, sprang ein Tischler in das Rund, schwenkte seinen Hut, um die Bestie abzulenken. Das Tier reagierte’ auf den wild geschwenkten Hut, der moderne Torero war geboren.

Und die Pferde? Seit ihnen Tierliebe und Ästhetik die weichen Flanken abschützt, seit die Ökonomie nur abgewrackte Tierpensionäre für dieses Geschäft zuläßt, sind sie es, die mit ihren bulligen Reitern, die mit ihren breiten Hüten alle ein bißchen aussehen wie Sancho Pansa, die ganze Wut, die grellen Pfiffe und Empörungslaute der Zuschauer der corrida zu spüren bekommen. Wenn sich die Lanze in die Halsmuskulatur der Stiere bohrt, bis das Stierblut über den schwarzglänzenden Körper zu rinnen, ja zu sprudeln beginnt, erreicht die Empörung programmgemäß und immer aufs neue eine gellende Lautstärke.